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Kultur Landesbischof Ralf Meister über Ang Lees „Life of Pi"
Nachrichten Kultur Landesbischof Ralf Meister über Ang Lees „Life of Pi"
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00:15 23.12.2012
Landesbishof Ralf Meister über Ang Lees „Life of Pi". Quelle: dpa
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Hannover

Ich habe eine Geschichte, die ihnen den Glauben an Gott geben wird.“ Ein erfolgloser Autor wird von diesem Satz, den er in Indien hört, infiziert. Er macht sich auf den Weg und sucht nach dem Menschen, der ihm diese Geschichte erzählt. In Toronto findet er ihn schließlich, es ist Piscine Molitor Patel. Ein Mann, der als Jugendlicher in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner Familie aus Indien in die USA übersiedeln wollte. Sein Vater war Zoodirektor. Und mit den Tieren auf einem japanischen Frachtschiff geht es auf die Reise. In Sturm geraten, sinkt das Schiff. Doch in einem Rettungsboot findet sich Piscine, der sich Pi nennt, allein mit einigen Tieren wieder. Darunter ist auch ein Bengalischer Tiger, Richard Parker.227 Tage überleben diese beiden die Odyssee in der unendlichen Weite des Meeres, bis sie in Mexiko angetrieben werden.

Was auf dieser Meeresreise geschieht, zeigt in phantastischer 3-D-Technik der Film „Life of Pi“. Die Romanverfilmung des Bestsellers von Yann Martel ist keine Geschichte, die einem den Glauben an Gott vermittelt, aber der Film in der Regie von Ang Lee entfaltet die große Kraft des Kinos und seiner Erzählsprache.

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In zauberhaften Bildwelten über die Meereslandschaft - von der urtümlichen Gewalt der Sturmbrecher bis zum lichterblauen Meeresglühen, in dem Tausende Quallen silberweiß leuchten - wird eine Bildtiefe erreicht, die den Zuschauer unwiderstehlich in dieses moderne Märchen hineinzieht. Fliegende Fischschwärme flattern durch den Kinosaal, und im Abendsonnenlichtspiel ist es, als stünde man an einer Schifffahrtsreling und schaute zum Horizont. In dieser poetischen Weite der Natur, die so faszinierend wie bedrohlich ist, versucht Pi in der Gesellschaft des Tigers zu überleben. Ein Kampf zwischen Mensch und Tier, in dem die Gewissheit reift: Nur zusammen werden sie diese Irrfahrt überstehen.

Bevor es allerdings auf diese wundersame Reise geht, schildert der Film die religiöse Suche des indischen Jungen. Das Meeresabenteuer und die Fragen Pis, die er als Hiob in den Sturmhimmel brüllt, sind nicht zu trennen von seinem Glauben und seinem besonderen Verhältnis zu den verschiedenen Religionen.

Pi liebt Gott, und er folgt allen Religionen, die ihn überzeugen. In farbenfrohen Begegnungen mit dem Hinduismus, dem Christentum und dem Islam sammelt er sich eine eigene Religiosität. Ob er in einer Bergkapelle für zwei Rupien aus dem Weihwasserbecken trinken soll oder in der vielfältigen Götterwelt des Hinduismus Orientierung findet: Seine Heimat ist nicht nur eine einzige Religion.

Erinnerungen an die berühmte Ringparabel von G. E. Lessing werden wach. Doch hier sind es nicht drei Söhne, die die Vielfalt der Religionen leben, es ist Pi allein. Wenn Eltern und religiöse Lehrer fordern, er könne nicht Hindu, Christ und Moslem zugleich sein, so bleibt er hartnäckig, will sich taufen lassen und wünscht sich einen Gebetsteppich.

„Jede Religion hat massenhaft Geschichten“, heißt es in dem Buch. Einige davon erzählt „Life of Pi“ amüsant, schillernd und nachdenklich. Vielleicht ist auch der Schiffbruch selbst eine religiöse Geschichte, die zwischen der Arche Noah, der Reise des Jona und dem sehnsüchtigen Seufzen der Schöpfung nach Erlösung entlangstreift?

„Ist die Geschichte wahr?“, fragen am Ende des Films die japanischen Versicherungsagenten, die den Überlebenden befragen. Sie glauben ihm nicht, trotz all seiner Versuche, sie zu überzeugen. So erzählt er seine Geschichte noch einmal. Ähnlich, aber doch ganz anders. Grausamer, nur mit überlebenden und dann getöteten Menschen, ohne Tiere. Am Ende fragt er: „Und welche Geschichte gefällt ihnen besser?“ Schließlich reagiert er auf das irritierte Schweigen der Agenten mit einer rätselhaften Pointe: „Und genauso ist es mit Gott.“

Anders als es das Buch am Anfang verspricht, habe ich meine Zweifel daran, dass diese Geschichte einem den Glauben an Gott geben kann. Aber sie reflektiert auf ganz eigene Art und Weise und im Film verbunden mit einer wunderbaren Bilderwelt die Rolle der Religionen. Und wirft dabei die Frage auf, wie denn ein versöhntes, friedliches Verhältnis zwischen Mensch und Tier aussehen könnte.

Diese Frage spielt übrigens in unseren Weihnachtsgottesdiensten eine große Rolle, wenn ein Text aus dem Buch des Propheten Jesaja gelesen wird: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben“ (Jesaja 11,6).

In der Tat - die Religionen entwerfen mächtige Bilder einer versöhnten Zukunft, und das bildet dieser Film eindrücklich ab.