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Kultur Landesmuseum zeigt „Brandbilder“
Nachrichten Kultur Landesmuseum zeigt „Brandbilder“
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00:15 10.05.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Kriegsversehrt: „Bildnis Dr. h.c. Heinrich Tramm“ (1913, links) von Max Liebermann. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Auf Kinn und Kragen schlägt die Farbe dicke Pusteln, Blasen und Krater, auf Nase, Stirn und Wange ist sie abgeplatzt und gibt den Blick auf nackte Leinwand frei. Der Gehrock ist rauchgeschwärzt, der Hintergrund dunkelbraun, an einer Seite fehlt ein großes Stück. So dramatisch versehrt sieht das „Bildnis Dr. h. c. Heinrich Tramm“ von 1913 heute aus.

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Das Porträt, das der deutsche Impressionist Max Liebermann von Hannovers damaligem Stadtdirektor gemalt hat, ist eines der Werke, die das Landesmuseum in seiner neuen Ausstellung „Brandbilder“ zeigt, die pünktlich zum Jahrestag des Kriegsendes am Freitag startet. Präsentiert wird darin Kunst vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert – auf den ersten Blick eine wilde Mischung, die aber ein trauriges Schicksal eint: Alle Exponate waren in einer Stahlkammer in der Friedrichstraße im ehemaligen hannoverschen Lohnamt untergebracht, das durch eine Brandbombe zerstört wurde. Das geschah in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943, der Nacht des schlimmsten Bombenangriffs auf Hannover während des Zweiten Weltkriegs.

Der Horror dieser Nacht lässt sich in dürren Zahlen schildern, den 261.000 Bomben, die 4000 Wohnhäuser zerstörten, 1245 Menschen töteten und eine Viertelmillion obdachlos machten. Der Horror dieser Nacht hat aber auch stumme Zeugen. Etwa das Thermometer hinter dem Glas der Kröpcke-Uhr, das bis auf 34 Grad geklettert ist. Oder eben jene 54 Kunstwerke, die zum Schutz vor Bomben in die Stahlkammer verbracht worden waren. Das Lohnamt wurde in dieser Nacht komplett zerstört. Die Werke aber überstanden – wenn auch mit dramatischen Spuren der Versehrtheit, weil in der Stahlkammer wochenlang Temperaturen bis zu 250 Grad herrschten.

Jahrzehntelang haben die „Brandbilder“ im Depot des Landesmuseums geschlummert, jetzt ist mit dieser Ausstellung eine Idee verwirklicht worden, die Direktorin Katja Lembke schon nach ihrem Start im Landesmuseum vor vier Jahren hatte. „Da habe ich erstmals die Depots und Grüfte dieses großen Hauses durchstreift, und dabei stießen wir auf die hier seit den Fünfzigerjahren gelagerten Brandbilder“, sagt die Museumschefin. „Als ich hörte, dass Werke von Corinth, Slevogt und Liebermann darunter sind, wusste ich: Wir haben hier einen Schatz – aber einen, der schwer zu heben ist.“

Ausstellung lenkt auch Blick auf Herkunft der Bilder

Inzwischen hat sie Rückhalt für das Vorhaben gefunden, diesen Schatz zu zeigen. Zum einen beim Freundeskreis des Museums, der zur Finanzierung der Ausstellung beigetragen hat, zum anderen beim Kulturministerium. „Wir begrüßen es“, sagt Annette Schwandner, Leiterin der Kulturabteilung des Ministeriums, „wenn die Museen des Landes sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen.“
Das tut das Landesmuseum hier in mehrfacher Hinsicht: Die Ausstellung dokumentiert die Aufbewahrung der versehrten Bilder über die Jahrzehnte hinweg ebenso wie deren aktuelle Konservierung sowie frühere Versuche, die teils bis zur Unkenntlichkeit verschmorten Werke wieder herzurichten. Und sie lenkt den Blick auch auf die Frage, wie die Brandbilder überhaupt in hannoversche Museen gelangt sind, welches ihre Provenienz, also Herkunft, ist.

Denn die ist nicht in jedem Falle über alle Zweifel erhaben, erklärt Claudia Andratschke. Sie ist Kuratorin dieser Ausstellung, zudem die Provenienzforscherin des Landes und überdies Leiterin des neuen Netzwerks Provenienzrecherche. Kein Wunder, dass das Thema Provenienz hier mit besonderer Sensibilität behandelt wird. Unter den versehrten Bildern stammen zwölf aus der Sammlung Rüdenberg des nach Riga deportierten und dort gestorbenen jüdischen Ehepaars Gustav und Elsbeth Rüdenberg. Deren Erben sind bereits in den Fünfzigerjahren entschädigt worden. Bei zwei anderen Bildern, Pieter Brueghels „Bauernadvokat“ (1617) und Gustave Courbets „Winterlandschaft mit Rehen“ (um 1860/70), steht eine Entschädigung vielleicht noch aus, weil die Werke erst während der 
 Nazi-Zeit erworben und möglicherweise „verfolgungsbedingt entzogen“ wurden, also Raubkunst sind.

Ausstellung "Brandbilder. Kunstwerke als Zeugen des Zweiten Weltkriegs" im Landesmuseum. Gezeigt werden Arbeiten u.a. von Lovis Corinth oder Max Liebermann, die 1943 in einem Tresor schwer beschädigt wurden.

Dass es solche Fälle gibt, liegt nicht zuletzt an der Einkaufspolitik von Ferdinand Stuttmann, der von 1935 bis 1962 fast ununterbrochen Direktor des Landesmuseums und zeitweilig auch des Kestner-Museums war. NSDAP-Mitglied Stuttmann soll teils bei Galerien, die heute unter Raubkunstverdacht stehen, eingekauft haben. Und er war meist bei der „Arisierung“ von Gütern zugegen, wenn es um Beschlagnahme von Kunst aus jüdischem Besitz ging.

Große Texttafeln widmen sich in der Ausstellung solchen Figuren ebenso wie den Schwierigkeiten von Restauratoren. Ihnen bereitet neben dem drohenden Zerfall der Bilder auch manche Verfehlung früherer Restauratoren Probleme: Zu sehen ist in der Ausstellung Lovis Corinths Bild „Nacktheit“ (1908), das zwar jene verhängnisvolle Nacht gleichfalls in der Stahlkammer verbracht hat, aber teils pralle Farben aufweist – weil es hier und da kurzerhand übergepinselt wurde.

Insgesamt werden in einer konzentrierten Auswahl 19 der 54 Brandbilder gezeigt, teils ergänzt durch Fotografien ihres früheren Zustands oder durch unversehrte Bilder desselben Künstlers. Fotos weiterer Werke wirft ein Beamer im Nebenraum an die Wand.

Eine spannende Ausstellung also, anspruchsvoll, vielfältig und durchaus komplex. So komplex, dass für einen Mediaguide, der durch die Ausstellung führt, insgesamt 30 Interviews mit Experten geführt wurden. Darunter ist auch ein Gespräch mit einer Zeitzeugin, die sich noch an jene Oktobernacht erinnert, in der Hannover zerstört wurde.

Ausstellungstipp

Brandbilder. Kunstwerke als Zeugen des Zweiten Weltkriegs“. Bis 6. September im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5. Weitere Informationen unter landesmuseum.hannover.niedersachsen.de

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