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Kultur Landesmuseum Hannover zeigt goldene Schätze der Reiterhorden
Nachrichten Kultur Landesmuseum Hannover zeigt goldene Schätze der Reiterhorden
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20:21 14.10.2010
Unter dem Titel "Goldener Horizont - 4000 Jahre Nomaden der Ukraine" zeigt das Landesmuseum Funde aus der ukrainischen Steppe. Quelle: dpa
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Es ist nicht schwer auszurechnen, auf welcher Seite Herodot in den Debatten unserer Tage stehen würde. Freimütig bekannte der große griechische Historiker im 5. Jahrhundert vor Christus, dass er „nicht viel übrighabe“ für diese skythischen Migranten, „die weder feste Städte noch feste Plätze haben, ihre Häuser mit auf Wanderschaft nehmen, nicht von Ackerbau, sondern von Viehzucht leben und auf ihren Wagen wohnen“. Meisterlich seien die umherziehenden Reiterkrieger allein in einer Disziplin: „Niemand kann sie finden, wenn sie sich nicht finden lassen wollen“, schrieb er. In seinen Worten schwang viel von jenen Ressentiments mit, die Sesshafte oft gegenüber Nomaden hegen. Ein Generalverdacht gegenüber den Unbehausten und ihrem unsteten Leben.

Eine opulent bestückte Ausstellung im hannoverschen Landesmuseum zeichnet jetzt die Geschichte jener Nomadenvölker nach, die über rund 4000 Jahre hinweg Gebiete der heutigen Ukraine bevölkerten. Es geht um Pecengen und Polovzer, um Kimmerier und Chazaren – also um uns fast unbekannte, vergessene Völker. Ihre Führer bauten keine Paläste, ihre Zelte hinterließen keine imposanten Ruinen. Archäologisch greifbar sind sie nur dort, wo sie dann doch etwas Sesshaftes hatten – bei ihren Gräbern, die sie oft mit prachtvollen Beigaben bestückten.

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Die rund 460 teils exquisiten Exponate stammen aus Museen in der Ukraine. Zu sehen ist eine schier überbordende Fülle an Waffen und Amuletten, Masken und Schmuck. Die Ausstellung, konzipiert von der externen Firma „Museumspartners“, holt damit tatsächlich etwas vom lange vermissten Glanz zurück ins Landesmuseum. Allerdings zu einem stolzen Preis: Nach HAZ-Informationen kostet die Schau, die noch vom inzwischen zurückgetretenen Direktor Jaap Brakke eingekauft wurde, rund 400 000 Euro. In Linz, wo sie bereits zu sehen war, hatte sie 41 000 Besucher, in Hannover kalkuliert man mit etwa 30 000 Gästen.

Die Ausstellung räumt mit einigen Vorurteilen gegenüber den vermeintlich rückständigen Reitervölkern auf. Der Reichtum und die handwerkliche Präzision, mit der Gürtelschnallen oder Schmuckstücke gefertigt sind, ist beeindruckend. Ein filigran gearbeiteter Brustschmuck der Skythen, entstanden um 350 v. Chr., dokumentiert, was den Alltag des Volkes prägte: Die Szenen zeigen, wie ein Fell bearbeitet und Schafe gemolken werden – und immer wieder sind Pferde abgebildet. Deren Zaumzeug wurde teils aus Gold geschmiedet: Das Pferd war für die Nomaden nicht nur Transportmittel und Statussymbol, es war Grundlage der eigenen, mobilen Existenz.

Dabei waren die Grenzen zwischen Sesshaften und Nomaden oft schwer zu ziehen: Schon die Katakombengrabkultur, die um 3000 v. Chr. am Asowschen Meer entstand, war von Ackerbau ebenso wie von Viehzucht geprägt. Und Herodot schreibt, dass es neben herumziehenden Skythen auch einige gebe, die in Siedlungen lebten. Profitierten Migranten und Sesshafte womöglich voneinander?

Sicher ist, dass es immer wieder Konflikte zwischen Reiterkriegern und Siedlern gab: „Nomaden kennen keine Staatsgrenzen, ihr Loyalitätsempfinden dem Stamm gegenüber unterminiert die Souveränitätsansprüche eines Staates“, heißt es in der Ausstellung auf einer Tafel. Als Beitrag zur gegenwärtigen Sarrazin-Diskussion darf man das wohl nicht lesen. Und doch erscheint das Nomadenleben seltsam aktuell: In der heutigen Gesellschaft wird Mobilität mehr und mehr zur Schlüsselqualifikation. Sperrige Wörter wie „Migrationshintergrund“ sind sprachliches Allgemeingut – da wirkt das ständige Verschmelzen und wechselseitige Befruchten von Kulturen, das die Ausstellung thematisiert, fast vertraut. Und Gruppen, die ständig auf der Durchreise sind, wirken ganz unwillkürlich wie moderne Menschen.

Die Skythen jedenfalls, die selbst ein iranisches Idiom sprachen, beschäftigten sich auch mit griechischen Mythen. Ein prachtvoller goldener Skythen-Köcher, den Archäologen 1954 beim Ort Saporizzja ausgruben, zeigt Szenen aus dem Leben des Achilles. Und glaubt man Herodot, vermischten die Skythen sich mit den sagenumwobenen Amazonen. Beim so entstandenen Volk der Sarmaten, schrieb der antike Historiker, habe sich einiges vom Erbteil der weiblichen Amazonenkrieger erhalten: „Ihre Frauen reiten mit ihren Männern oder auch allein zur Jagd, ziehen in den Krieg und kleiden sich wie Männer“, berichtet er. In der Ausstellung sind Funde aus dem Grab einer etwa 45-jährigen Sarmaten-Frau am südlichen Bug zu sehen. Tatsächlich deuten die reichen Goldbeigaben und Amulette darauf hin, dass die Frau eine herausgehobene Stellung hatte. Möglicherweise war sie eine hohe Priesterin.

Andere Völker pflegten früh eine Art Fernhandel: Die Chazaren beispielsweise, ein Turkvolk, das zwischen 500 und 1000 n. Chr. zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer lebte, machte nicht nur Geschäfte mit byzantinischen Kaufleuten. Sie trieben Handel auch mit den arabischen Kalifaten und sogar mit China. Dabei kontrollierten sie die Handelswege eines riesigen Gebietes. In ihrem Reich gab es keine Steuern. Stattdessen kassierten sie Zölle von zehn Prozent auf alle Waren, die ihre Gebiete passierten. So profitierten die Nomaden auch vom Nomadismus der Güter.

In religiösen Belangen waren die Chazaren bemerkenswert offen. Ursprünglich verehrten sie wohl einen Himmelsgott namens Tengri und andere Naturgötter. Im 7. Jahrhundert traten einige dann zum Christentum über, andere zum Islam. Als eine Art Staatsreligion indes nahmen sie das Judentum an: Dieses wurde von muslimischen und christlichen Handelspartnern als Vorläufer der eigenen Religion halbwegs akzeptiert. Und im Inneren war es so etwas wie ein kleinster gemeinsamer Nenner der unterschiedlichen Konfessionen. Das oberste Gericht der Chazaren wurde paritätisch besetzt: Es musste aus jüdischen, muslimischen, christlichen und heidnischen Richtern bestehen. Jeder Angeklagte musste sich dort nach den Regeln seiner eigenen Religion verantworten. Arabische Chronisten jedenfalls priesen dieses Justizsystem: Es sei von vorbildlicher Gerechtigkeit.

Die Ausstellung „Goldener Horizont“ ist im Landesmuseum Hannover bis zum 13.  März zu sehen. Informationen unter der Telefonnummer (05 11) 9 80 76 26.

Simon Benne