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Kultur Lang Lang verstört im Kuppelsaal in Hannover mit Beethoven
Nachrichten Kultur Lang Lang verstört im Kuppelsaal in Hannover mit Beethoven
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19:14 10.04.2011
Von Rainer Wagner
Freischwebend artikulieren, ohne die Balance zu verlieren: Lang Lang im Kuppelsaal.
Freischwebend artikulieren, ohne die Balance zu verlieren: Lang Lang im Kuppelsaal. Quelle: Kurek
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Er ist derzeit der wohl erfolgreichste Klassikpianist: Lang Lang begeistert die Massen, er füllt die größten Säle, und er lockt auch ein Publikum an, das nicht unbedingt Klavierabende als Pflichttermine im Kalender führt. Man erkennt das im hannoverschen Kuppelsaal (in dem nur ein paar wirklich unzumutbare Plätze ohne Sichtkontakt leer blieben) daran, dass schon mal zwischen den einzelnen Sätzen geklatscht wird. Das ist zwar nicht Brauch, aber als spontane Gefühlsentladung in jedem Fall sympathisch. Was man über die Fans nicht sagen kann, die während des Musikspiels ihre Kameras zücken. Das, bitte sehr, wäre erst angebracht, falls Lang Lang auf David Garretts Spuren demnächst in der TUI-Arena auftritt.

Noch spielt er im Kuppelsaal, was nicht unbedingt dem Musikgenuss, aber doch dem Einnahmesoll dient. Doch bevor man über Lang Langs Geschäftstüchtigkeit lästert, sei daran erinnert, dass auch Alfred Brendel hier schon Klavierabende gegeben hat. Damals war allerdings der obere Teil des Saales mit Vorhängen abgetrennt. Lang Lang aber will alle erobern. Er hat vor fünf Jahren schon einmal den Kuppelsaal gefüllt, aber damals in einem Abokonzert mit Orchesterbegleitung. Für einen Soloklavierabend stellt er nun in Hannover einen Heimspielrekord auf. Er will alle und jeden erreichen und braucht dafür viel Pedal. Oft zu viel, aber es funktioniert zumindest akustisch gut.

Lang Lang ist ein eminent sympathischer junger Mann, der auch seine Fans in den Höhen des Olymps nicht vergisst. Er weiß, wie man sein Publikum erobert. Er ist ein effektbewusster Pianist, er weiß, was ankommt. Weshalb dann auch im Programmheft nachzulesen ist, dass er für seine Konzertauftritte von Versace ausgestattet wird – und das Gerücht die Runde macht, von nun an werde er von Calvin Klein eingekleidet. Hat sich schon mal jemand dafür interessiert, was Krystian Zimerman oder Christian Zacharias tragen?

Nein, es geht nicht um Schneidereien, aber doch um den musikalischen Zuschnitt.

Und es geht um Beethoven. Das aber macht die erste Stunde dieses vom Publikum gefeierten Klavierabends zu einer Prüfung für den Pianisten Lang Lang, vor allem aber für den Interpreten, den Ausdeuter und Gestalter. Dass die Sonate op. 2 Nr. 3 und die „Appassionata“ ziemlich genau eine Stunde dauern, obwohl 50 Minuten auch gut reichen sollten, umreißt schon ein Problem: Lang Lang geht mit der klassischen Architektur um wie ein Ruinenbaumeister. Die frühe C-Dur-Sonate wird von ihm gespreizt. Dabei können Läufe schon mal verwaschen klingen, und der Doppelschlag, über den viele Theoretiker sinniert haben, tönt auch nicht immer lupenrein.

Aber mehr stört, wie Lang Lang diese Sonate der Gefühligkeit opfert. Das Adagio zelebriert er geradezu. Das hat einst Glenn Gould zwar noch viel exzentrischer (und noch langsamer) gemacht, aber zumindest rhythmisch konsequent. Lang Lang aber verliert sich im wiegenden Schritt. Ist das nun gedankenverloren oder selbstverliebt? Das Scherzo ist gezügelter. Im Allegro assai setzt er pedalbetont klirrende Akzente.

Beethovens „Appassionata“ kommt dem Bekenntnismusiker mehr entgegen, da schichtet er pathosbetont Akkord auf Akkord. Das Andante con moto wirkt wie eine Vorahnung von Chopins Trauermarsch. Zwar zerlegt er das Stück immer wieder in Handgriffe, doch Lang Lang weiß, wie man Wirkung erzielt. Entsprechender Jubel – und Ratlosigkeit bei Nachdenklicheren.

Zu Beginn seiner Karriere hat Lang Lang in jedem Interview erzählt, dass er einst von den Comic-Helden „Tom & Jerry“ zum Klavierspielen animiert wurde. Vielleicht sollte er es lieber mit dem „Peanuts“-Pianisten Schröder halten, der – wenn man den Comic-Zeichnungen seines geistigen Vaters Charles M. Schulz glaubt – immer Beethovens Notenbild vor Augen hatte.

Nach der Pause geht es freizügig weiter. Jetzt spielt Lang Lang witzig und gewitzt auf. Die drei Sätze aus Isaac Albeniz’ „Iberia“-Zyklus sind Futter für den Klavierlöwen. Hier kann er freischwebend artikulieren, ohne die Balance zu verlieren. Hier entdeckt er iberischen Swing und lässt die Folklore pochen und pulsieren. Sergej Prokofjews B-Dur-Sonate op. 83 ist für ihn Bekenntnismusik und Bravourstück in einem.

Entsprechender Beifall und zwei pointierte Chopin-Zugaben. Um seine Karriere muss sich Lang Lang keine Sorgen machen, aber irgendwann wird er sich entscheiden müssen, ob er nur ein überaus erfolgreicher Pianist sein oder auch ein gewichtiger Beethoven-Interpret werden will.