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Kultur „Lawrence von Arabien" auf der Theaterbühne
Nachrichten Kultur „Lawrence von Arabien" auf der Theaterbühne
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20:20 20.05.2012
Von Stefan Arndt
Die Spinnen, die Araber. Thomas Neumann als Lawrence. Quelle: Ribbe
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Hannover

Der Brunnen ist das Lagerfeuer der Wüste. Hier sammeln sich des Abends die Helden und Haudegen, hier raufen sie miteinander, hier schließen sie unverbrüchliche Männerfreundschaften: der wilde Westen im Nahen Osten. In „Lawrence von Arabien“, einem als „Projekt“ avisierten Theaterabend von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am Schauspiel Hannover, lagern dann auch folkloristisch kostümierte Schauspieler den Großteil des knapp dreistündigen Abends an einem Brunnen und palavern von Ehre, Verrat und künftigem Ruhm. Das Stück ist eine Hommage an den berühmten, 1963 mit sieben Oscars ausgezeichneten Film mit Peter O’Toole und Omar Sharif. Auf dem Theater wirkt das orientalische Breitwandkino allerdings seltsam verkleinert. Bad Segeberg statt „Winnetou“.

Natürlich ist die Wüsten-Saga ein saftiger Stoff mit einer schillernden Hauptfigur: jenem britischen Archäologen, der während des Ersten Weltkriegs als Agent unter Beduinen-Völkern lebt, ihre in herzlicher Abneigung verbundene Stämme vereint und sie zum Aufstand gegen die Türken führt. Dazu kommt die spätere Medienkarriere des Agenten. Thomas Edward Lawrence wurde durch ausgedehnte Vortragsreisen einer der Superstars des frühen 20. Jahrhunderts. Die Frage ist nur: Warum erzählt man heute seine Geschichte?

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Im hannoverschen Schauspiel, das sich gern als politisches Theater inszeniert, verweigert man eine deutliche Antwort. Nach der Pause gibt es zwar einen Bruch in der zuvor überraschend gradlinigen Nacherzählung des Stoffes, aber wo genau die Inszenierung den Hebel ansetzt, bleibt im Ungefähren. Es gibt Kritik an der modernen Mediengesellschaft („Das Fernsehen zeigt ohnehin nur das, was man bereits kennt“) und - als beiläufige Provokation - sogar eine verkappte Verbeugung vor Osama Bin Laden, der in eine glorifizierte Tradition des Guerillakrieges gestellt wird. Aber so schnell wie diese Themen aufs Tapet gebracht werden, sind sie auch wieder verschwunden. Und der Arabische Frühling, den man schon in der bloßen Ankündigung dieses Theaterabends gewittert hatte, spielt gar keine Rolle.

Stattdessen sieht man einen geläuterten Lawrence. Der junge Narziss, als den Hollywood den mit 46 Jahren gestorbenen Briten zeigt, ist hier ein alter Mann. Thomas Neumann spielt ihn mit der Abgeklärtheit eines Historikers. Anders als die übrigen behutsam überzeichneten Figuren lebt er die Geschichte nicht - er berichtet davon. Dazu passt, dass die Regisseure, die am Ende einige Buhrufe einstecken müssen, ihm eine Scheherazade (Mira Partecke) als zweite Erzählerin zur Seite gestellt haben. Später wird sie sich als History-Soap-Moderatorin betätigen.

Mit ihr entfaltet sich sogar etwas Bühnenzauber: Wenn Partecke im Playback Katja Ebsteins friedensbewegten Schlager „Inch’ Allah“ singt, während über den Lagerplatz am Brunnen der Lärm von Kampfhubschraubern donnert, kommen sich Kunst und Leben für einen Moment so nah, wie es wohl nur im Theater möglich ist.

Musikalische Zitate werden dann noch öfter prominent platziert: Bill Ramseys „Zuckerpuppe von der Bauchtanzgruppe“ kommt ebenso zu Ehren wie der Schleiertanz aus Richard Strauss’ Oper „Salome“. Bewegend wie der Ebstein-Schlager klingen die Stücke aber nicht mehr. Sind sie nun ironisch gemeint oder standen sie nur auf einer Google-Trefferliste zum Thema Orient?

Ein Volltreffer ist dagegen das Bühnenbild: Mal lässt Jo Schramm den vom Wind geformten Sandboden in sanft geschwungen Spiegelwänden unendlich weit erscheinen. Dann wieder strahlen dieselben Wände die kühle Geborgenheit einer Felsenhöhle aus. Und wenn Deutschlands Theaterkritiker am Ende der Spielzeit über das beste Szenenbild entscheiden, sollten sie zumindest gesehen haben, wie Schramm hier einen bühnenfüllenden Orientteppich blitzschnell verschwinden lässt wie in einem Schwarzen Loch.

Wieder am 24. und 29. Mai sowie am 9., 13., 21. und 29. Juni, Kartentelefon: (0511) 99991111.

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