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08:46 01.04.2014
Von Simon Benne
Überzeugt: König Alaungphaya (oben) schickte im Jahr 1756 den mit Rubinen besetzten Goldenen Brief an den britischen Monarchen Georg II. (unten). Quelle: dpa/Archiv
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Hannover

Man kann von Glück sagen, dass es im Jahr 1756 noch keine E-Mails gab. Damals schrieb König Alaungphaya im fernen Birma einen Brief an seinen britischen Kollegen Georg II. – und als Zeichen der Wertschätzung verfasste er sein Angebot zum Bau einer Handelskolonie auf einem 55 Zentimeter langem Streifen aus hauchdünnem, purem Gold.

Schon im kommenden Jahr könnte der Goldene Brief, der zu den Prunkstücken der Leibniz-Bibliothek in Hannover gehört, ins Unesco-Welterbe aufgenommen werden. Im komplizierten Nominierungsverfahren hat das mit 24 Rubinen besetzte Schriftstück jetzt die entscheidende Hürde genommen: Die deutsche Unesco-Kommission in Bonn hat den Brief bei der Unesco in Paris zum Eintrag in die Liste des Weltdokumentenerbes vorgeschlagen. Im „Memory of the World Register“ sind bereits Schätze wie die französische Erklärung der Menschenrechte oder die Magna Charta von 1215 verzeichnet.

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Beschlossene Sache ist die Aufnahme des Briefes ins Welterbe damit allerdings noch nicht: Internationale Experten werden sich jetzt über den Antrag beugen und prüfen, ob der Goldene Brief es wirklich wert ist, in einer Reihe mit Beethovens Notenhandschriften oder der Himmelsscheibe von Nebra genannt zu werden. Erst, wenn das „Register-Subkomitee“ seine Empfehlung an das „Internationale Beraterkomitee“ übermittelt und dieses grünes Licht gegeben hat, kann Unesco-Generaldirektorin Irina Bokowa eine endgültige Entscheidung verkünden.

Gleichwohl ist die Weiterleitung nach Paris ein Meilenstein auf dem Weg zum Welterbetitel: Anträge, die vom deutschen Unesco-Komitee eingereicht werden, haben erfahrungsgemäß eine hohe Erfolgsquote. Es wäre der zweite Welterbetitel für Hannover: Der ebenfalls in der Leibniz-Bibliothek verwahrte Briefwechsel des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz zählt seit dem Jahr 2007 zum „Memory of the World Register“.

Der Goldene Brief ist ein Relikt aus der Zeit der hannoversch-britischen Personalunion, deren Beginn sich in diesem Jahr zum 300. Mal jährt – und er ist ein Zeugnis aus der Frühzeit globaler Vernetzung. Damals umschiffte das Schreiben die halbe Welt, ehe es seinen Adressaten in London erreichte. Da ist es beinahe folgerichtig, dass auch der Welterbeantrag der Leibniz-Bibliothek jetzt von Großbritannien und dem heutigen Myanmar unterstützt wurde: In Archiven beider Staaten finden sich historische Abschriften des Briefes.

„Wir haben es sehr begrüßt, dass eine gemeinschaftliche Nominierung zustande gekommen ist“, sagt Christine M. Merkel von der deutschen Unesco-Kommission. Ihr Gremium kann alle zwei Jahre zwei Vorschläge in Paris einreichen – in diesem Jahr sind es die Handschrift der h-Moll-Messe von Bach aus der Berliner Staatsbibliothek sowie verschiedene Dokumente zur Reformation.

Dazu können allerdings noch Gemeinschaftsanträge mehrerer Länder kommen, wie im Falle des Goldenen Briefes. Europäische Kulturschätze wurden bei der Titelvergabe in früheren Jahrzehnten bevorzugt und stehen daher derzeit bei der Unesco nicht sonderlich hoch im Kurs. Da dürfte es für die Nominierung des Goldenen Briefes hilfreich gewesen sein, dass es für den Antrag nicht nur Schützenhilfe seitens der British Library, sondern auch vom Kulturministerium in Myanmar gab.

Möglich wurde die transkontinentale Unterstützung durch den politischen Wandel im früheren Birma: Lange herrschte in Rangun eine despotische Militärregierung. Derzeit öffnet sich Myanmar langsam dem Westen. Vor einem Jahr besuchte Kulturminister Aye Myint Kyu die Leibniz-Bibliothek. Für die Visite war eigentlich eine halbe Stunde eingeplant – doch am Ende blieb er fast zweieinhalb Stunden. Der ehemalige General soll tief bewegt vor dem Kulturzeugnis aus seiner Heimat gestanden haben.

Über Jahrhunderte lag der Brief mehr oder weniger unbeachtet in der Bibliothek. Georg II. hatte verfügt, das kostbare Schreiben in seiner Heimatstadt Hannover aufzubewahren – wo es dann fast in Vergessenheit geriet. In den Unterlagen der Bibliothek wurde er als Ergebenheitsadresse irgend eines „indianischen Königs“ geführt. Erst 2011 wurde der Brief öffentlich präsentiert, nachdem Wissenschaftler ihn erstmals erforscht hatten. „Dabei hat der Goldene Brief welthistorische Bedeutung“, sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt: „Anders, als die europäische lange vermittelte, gab es vor der Kolonialzeit sehr wohl bedeutende Staatswesen außerhalb Europas. Ihre Herrscher korrespondierten mit westlichen Königen auf Augenhöhe.“

Im Sommer 2015, nach der Tagung des Internationalen Beraterkomitees, wird die Unesco ihre Entscheidung verkünden. Bis dahin sollen auch die Bauarbeiten in der Leibniz-Bibliothek abgeschlossen sein, die derzeit im großen Stil renoviert wird. In einem eigenen Tresor, hinter Panzerglas, soll der Goldene Brief dort dann dauerhaft präsentiert werden – und internationales Publikum anlocken. Denn König Alaungphaya schrieb zwar nachweislich noch sieben weitere Goldbriefe, an keinen Geringeren als den Kaiser von China – doch diese wurden später eingeschmolzen. „Unser Exemplar“, sagt Ruppelt, „ist weltweit einzigartig.“

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