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Kultur Leibniz Bibliothek übersetzt 250 Jahre alten Brief
Nachrichten Kultur Leibniz Bibliothek übersetzt 250 Jahre alten Brief
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14:06 30.12.2010
Von Thorsten Fuchs
Der Goldene Brief des birmanischen Königs Alaungphaya. Quelle: dpa
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Dieser Brief war dem Absender wichtig. Als Papier wählte er Gold von äußerster Reinheit, zur Verzierung klebte er 24 Rubine an den Rand, und als Umschlag diente ihm der ausgehöhlte Stoßzahn eines Elefanten. Da ist es schon sehr bedauerlich, dass der Empfänger dem Schreiben keine große Aufmerksamkeit schenkte und es gleich an seine Bibliothek in der alten Heimat weiterreichte. Vermutlich hat er den Brief nicht mal gelesen.

Seit gut 250 Jahren liegt der Brief des birmanischen Königs Alaungphaya an den Welfen Georg II. in der damals Königlichen, der heutigen Leibniz Bibliothek – als kuriose Kostbarkeit gehütet, aber vor der Öffentlichkeit verborgen und auch wissenschaftlich lange unbeachtet. Die Bibliothek hat ihren Schatz nie herausgestellt. Der Grund ist recht simpel: Es ging den Bibliothekaren ähnlich wie wohl schon Georg II. „Das Problem war, die birmanischen Schriftzeichen zu entschlüsseln“, erklärt Marita Simon, Sprecherin der Bibliothek. Es konnte einfach niemand lesen, was der birmanische König geschrieben hatte.

Jetzt jedoch hat sich die Leibniz Bibliothek auf die Preziose in ihrem Besitz besonnen – und König Alaungphaya und seinem Anliegen die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Vor drei Jahren nahm die Leibniz Bibliothek Kontakt zum Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg auf, das die Hannoveraner schließlich an den Birma-Experten Jacques Leider von der École Française d’Extrême Orient in Paris vermittelte. Das Ergebnis seiner Forschungen wird Leider am 18. Januar in Hannover vorstellen – bei der feierlichen Präsentation des Briefes mit Ministerpräsident David McAllister in der Leibniz Bibliothek. Demnach wollte der birmanische König den Engländern einen Handelsstützpunkt in seinem Reich anbieten. Fest steht daher schon jetzt, dass es sich um ein „sehr bedeutendes Dokument der Kolonialgeschichte handelt“, wie Simon auf Anfrage der HAZ sagt. Es sei „weltweit der einzige so erhaltene Brief“. Allein schon der materielle Wert sei „immens“: Das Gold des 55 mal zwölf Zentimeter großen Briefes ist von einer Reinheit von 98,7 Prozent. Die Rubine am Rand sind hochkarätig. Zumindest so viel lässt sich sagen: Dem Absender waren die guten Beziehungen zum Empfänger eine Menge wert.

Dennoch ließ Georg II. den Brief 1758 von seiner Residenz in London nach Hannover weiterschicken. Schon für die damalige Zeit sind die Irrtümer über die Sendung belegt: Der Brief stamme aus Indien, hieß es im Begleitschreiben aus London. Auch der weitere Umgang zeugt nicht gerade von Hochachtung. Bei einem Besuch in der Bibliothek 1768 stopfte der dänische König Christian VII. den Brief ausgesprochen ungeschickt wieder in das Gefäß zurück. Die Knicke im Goldblech resultieren aus jenem Akt der Missachtung, glätten lässt sich das Material heute nicht mehr. Ein früher Akt der Barbarei – künftig jedoch wird dem Brief die gebührende Wertschätzung sicher sein.