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Kultur Leibniz Bibliothek will goldenen Brief zum Unesco-Welterbe machen
Nachrichten Kultur Leibniz Bibliothek will goldenen Brief zum Unesco-Welterbe machen
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22:52 18.01.2011
Von Simon Benne
Post ist da: Kulturministerin Johanna Wanka mit Ministerpräsident David McAllister und Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Die Geschichte klingt, als hätte Kafka persönlich sie ersonnen: Ein Herrscher verfasst eine ungeheuer wichtige Botschaft und sendet sie einem anderen Herrscher als Brief aus purem Gold – doch in einer Schrift, die dieser nicht lesen kann. Und obwohl der Brief nach einer Reise um die halbe Welt ankommt, erreicht die Botschaft ihren Empfänger doch nicht. Der Brief bleibt unbeantwortet, vielleicht gar ungelesen und verschwindet für Jahrhunderte hinter den Türen eines Tresors. „Bis vor drei Jahren hatte höchstens ein Dutzend Menschen diesen Brief je gesehen“, sagt der Historiker Jacques Leider.

Am Dienstag wurde der goldene Brief in der Leibniz Bibliothek, wo er lange unbeachtet gelegen hatte, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Hundert Gäste kamen, um ihn zu sehen, und schon bald könnte das Schriftstück gewissermaßen zum Hochadel unter den historischen Dokumenten zählen: „Wir haben vor, einen Antrag zur Aufnahme in das Unesco-Weltdokumentenerbe zu stellen“, bestätigte Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt der HAZ. Mit einem Eintrag in die Dokumenten­erbeliste „Memory of the World“ würde der goldene Brief, den der birmanische König Alaungphaya 1756 an den britisch-hannoverschen Monarchen Georg II. schickte, dann auf einer Stufe mit den Notenhandschriften Beethovens oder der französischen Erklärung der Menschenrechte stehen. „Dieser Brief hat das Zeug dazu“, sagt Ruppelt.

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Das dazu nötige Verfahren allerdings kann sich über Jahre hinziehen: Zunächst muss das deutsche Unesco-Büro in Bonn den goldenen Brief beim Unesco-Sitz in Paris als Weltdokumentenerbe ­nominieren, dann müsste ein internationales Expertengremium ihn auf eine Empfehlungsliste für den Generalsekretär setzen. Doch schon einmal, 2007, wurde die Bibliothek mit der Auszeichnung geehrt. Und wie damals die Leibniz-Korrespondenz ist auch der goldene Brief ein Dokument einer frühen Globalisierung. Allerdings zeugt er zugleich von deren Scheitern – und von der Arroganz west­licher Kolonialmächte.

In dem Brief bot König Alaungphaya dem britischen Monarchen und der East India Company den Bau eines Handelsstützpunktes an. Der König, der es im kriegsgebeutelten Birma binnen fünf Jahren vom Dorfvorsteher zum Herrscher des Landes gebracht hatte, suchte den Schulterschuss mit den Engländern, die mit den Franzosen um die koloniale Vorherrschaft rangen. Vor allem erhoffte er sich die Lieferung von Waffen, um seine junge Herrschaft zu festigen. Damals war es höchst ungewöhnlich, dass ein asiatischer Souverän von sich aus die Initiative ergriff, um mit Europäern in Kontakt zu treten. „Sein Brief war Teil einer diplomatischen Offensive“, sagt Leider.

Vor drei Jahren begann der Luxemburger mit der Erforschung des rubinbesetzten Schreibens. „Man braucht eine gute Lupe und etwas Konzentration – doch der Brief ist in der Schrift geschrieben, die noch heute jeder in Birma lesen kann“, sagt er. Da man dort ursprünglich auf Palmblättern schrieb, dominieren in den Schriftzeichen Rundungen: Bei eckigen Formen wären die Blätter gerissen. Auf dem zerknitterten Goldblech sind die vielen kleinen Kreisformen für Laien kaum voneinander zu unterscheiden.

Drei der zehn Schriftzeilen widmen sich der Titulatur des Königs, der gerade an die Macht gekommen war und sich stolz vorstellte. „Der Brief war auf Augenhöhe formuliert, von König zu König“, sagt Reinhard Laube, Leiter der Handschriftenabteilung der Leibniz Bibliothek. Birmanische Quellen belegen die Existenz von nicht einmal einem Dutzend Goldbriefen aus dieser Zeit. Alaungphaya bedachte nur solche Herrscher mit einem derart edlen Schriftstück, die er seiner selbst für ebenbürtig hielt, und das war eigentlich nur der Kaiser von China. Dort aber wurden diese Briefe später eingeschmolzen, sodass das Stück aus der Leibniz Bibliothek wohl das letzte seiner Art ist.

Hart traf es Alaungphaya, dass er nie eine Antwort erhielt: In Europa war der Siebenjährige Krieg ausgebrochen. Das durch Streit und Personalwechsel geschwächte Direktorium der East India Company beschloss, nur zu antworten, wenn auch der König antwortete. Und da dieser den Brief nur zur Ablage in seine Heimat Hannover weiterschickte, antwortete die Company ebenso wenig wie er. Die Handelsgesellschaft zog sich schließlich aus Birma zurück. „Alaungphaya fühlte sich erniedrigt, weil er keine Antwort bekam“, sagt Historiker Leider. So dürfte dieser Brief seinen Anteil daran haben, dass das Verhältnis zwischen Birma und Britannien über Jahrzehnte getrübt war.

Es spricht Bände, dass der Brief in der Leibniz Bibliothek lange nur als Ergebenheitsadresse irgendeines heidnischen Herrschers an Georg II. geführt wurde. Der Katalog von 1867 wies ihn als Schreiben eines „indianischen Königs von der Küste Coromandel“ aus, die in Wirklichkeit Hunderte Kilometer von Birma entfernt liegt. Dass es diesen Brief gegeben hatte, war aus birmanischen Quellen zwar bekannt – doch dass es ihn noch gab, in einem hannoverschen Tresor, blieb auf diese Weise bis jetzt verborgen.

„Der Brief gibt auch einen Vorgeschmack auf die Landesausstellung zur hannoversch-britischen Personalunion im Jahr 2014“, sagte Bibliotheksdirektor Ruppelt gestern bei dessen Präsentation. „Diese Zeit ist mit Sicherheit nicht die schlechteste für Hannover gewesen“, scherzte darauf Ministerpräsident David McAllister, der selbst schottische Wurzeln hat. Und dann sorgte der Regierungschef mit einem Kalauer für Lacher: „Lieber ein goldener als ein blauer Brief.“