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Kultur „Leid und Herrlichkeit“ – Die schmerzende Wahrhaftigkeit des Regiemeisters Pedro Almodóvar
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„Leid und Herrlichkeit“ – Die schmerzende Wahrhaftigkeit des Regiemeisters Pedro Almodóvar

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06:00 22.07.2019
Erinnerung kann heilsam sein: Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas). Quelle: Studiocanal
Hannover

Nach der Premiere in Cannes schaute Pedro Almodóvar sichtlich aufgelöst drein. Minutenlang war der Applaus des Kinopublikums auf ihn niedergeprasselt. Tränen der Rührung kullerten ihm übers Gesicht, als er sagte: „Alles, was ich bin, ist in diesem Film zu finden.“

Und tatsächlich: Alles, wovon der bald 70-jährige Regisseur schon immer auf der Leinwand durchaus auch mit autobiografischen Anspielungen erzählt hat, verdichtet sich in diesem Werk – und doch schwingt hier ein anderer Ton mit. Der verhasste Katholizismus seiner Kindheit, sexuelles Begehren, die Liebe zu seiner Mutter und auch die zum Kino: Diese Themen ziehen sich auch durch „Leid und Herrlichkeit“. Das Schrille und Exaltierte jedoch, bislang so typisch für den Spanier, ist hier einer stillen Melancholie gewichen.

In der ersten Szene begegnen wir dem alternden Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) in einem Schwimmbecken. Wie ein Baby im Mutterleib verharrt er unter der Wasseroberfläche. Aber irgendwann muss er wieder auftauchen und das schützende Bassin verlassen. Seinen Depressionen, Ängsten, Süchten, auch seinem lädierten Körper entkommt er nicht.

Was, wenn einen Regisseur die Leidenschaft verlässt?

Mallo ist das Alter Ego von Almodóvar. Wie in einem Puzzlespiel entfaltet der echte Regisseur in elegant eingebundenen Rückblenden das Leben seines Protagonisten – und die Übereinstimmungen von Plot und Biografie sind verblüffend groß.

Almodóvar wurde wie Mallo in der spanischen Provinz allein von seiner Mutter großgezogen und ging dann nach Madrid, um der traditionell katholisch geprägten Welt zu entkommen. Almodóvars künstlerisch wildeste Zeit war die der Kulturbewegung „Movida Madrilena“, die Spanien nach dem Tod des Diktators Franco durchschüttelte; das war bei Mallo ähnlich. Das Schlimmste, was sich Almodóvar vorstellen kann, ist es, nicht mehr filmen zu können. Was, wenn die Leidenschaft ihn verlässt? Für Mallo ist dieser Horror wahr geworden.

Wie viel Almodóvar steckt in diesem Film?

Man könnte endlos so weitermachen. Und in beinahe jeder Szene fragte man sich: Wie viel von Almodóvars eigenem Leben steckt in diesem Film? Wie weit offenbart er sich dem Kinozuschauer? Zwischenzeitlich keimt gar der Verdacht, „Leid und Herrlichkeit“ komme einer Eigentherapie mit Kinomitteln gleich.

Zurückhaltung prägt Almodóvars Blick, und das ist eine weise Entscheidung: Stand nicht gerade in seinem Fall zu befürchten, dass das Kokette, Selbstverliebte, Exzentrische die Oberhand gewinnt?

Statt dessen pickt er Momente der größtmöglichen Verletzlichkeit heraus: Als Zehnjähriger beobachtet Mallo einen jungen Handwerker, der sich in seiner Küche nach getaner Arbeit wäscht – und wird erstmals vom erwachenden sexuellen Verlangen gepackt. Mallo trifft nach vielen Jahren überraschend seine große Liebe wieder (gespielt von Leonardo Sbaraglia) – und in dem einen Kuss stecken Leidenschaft und Sehnsucht, gepaart mit dem Wissen, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Mallo muss Abschied nehmen von seiner geliebten Mutter (als jüngere Frau gespielt von Penélope Cruz, als ältere von Juieta Serrano) – und plagt sich mit seinem schlechten Gewissen, weil er ihr nicht genügend beigestanden hat.

Banderas war schon in den frühen Filmen Almodóvars dabei

„Leid und Herrlichkeit“ ist von schmerzhafter Wahrhaftigkeit durchdrungen, und durch Banderas subtiles Spiel rückt einem die Geschichte noch näher. In Cannes gewann der Spanier die Darsteller-Palme.

Die Karrieren von Hauptdarsteller und Regisseur sind untrennbar miteinander verbunden. Banderas wirkte schon in frühen Almodóvar-Filmen wie „Das Gesetz der Begierde“ (1987), „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988) oder auch in „Fessle mich!“ (1990) mit. Die Wege der zwei trennten sich, als sich Banderas nach Hollywood aufmachte („Die Legende des Zorro“). Später fanden sie beim Rachedrama „Die Haut, in der ich wohne“ (2011) wieder zusammen.

Banderas war allerdings verblüfft, wie sehr Almodóvar seine Kinofigur in ein Bild des echten Regisseurs verwandelte. Gedreht wurde in einer in knalligen Farben durchkomponierten Wohnung, die der von Almodóvar nachgebildet war. An den Wänden hingen dieselben Kunstwerke. Almodóvar verpasste Banderas eine Frisur, wie er selbst sie trägt.

Ein Regisseur zieht Bilanz

Was Mallo im Laufe des Films lernt, ist das, was Almodóvar wohl schon gelernt hat: Es hat keinen Sinn, sich vor der Vergangenheit zu verstecken. Erinnerung kann heilsam sein, durch sie kann neuer Mut erwachsen. Ein Regisseur zieht hier durchaus bitter Bilanz und sucht einen versöhnlichen Weg aus seiner zunehmenden Verzweiflung.

Vor Kurzem hat das Filmfestival in Venedig (28. August bis 7. September) bekannt gegeben, dass Almodóvar den Ehren-Löwen fürs Lebenswerk bekommt. Könnte sein, dass das genau der richtige Moment dafür ist. Für Almodóvar hat mit diesem Film etwas Neues begonnen.

„Leid und Herrlichkeit“, Regie: Pedro Almodóvar, mit Antonio Banderas, Penélope Cruz, Leonardo Sbaraglia, 112 Minuten, FSK 0

Von Stefan Stosch / RND

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