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Kultur Leidenschaft? Ab ins Museum!
Nachrichten Kultur Leidenschaft? Ab ins Museum!
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18:53 07.03.2012
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Mehr Schein als Sein: Barbie und Ken als Lichtspender. Quelle: dpa
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Dresden

Er fühle sich ein bisschen wie ein Theaterdirektor. Sagt Klaus Vogel. Und wie der Direktor des Hygiene-Museums in dem stilisierten Theaterfoyer hinterm Garderobentresen steht, glaubt man ihm das sofort. Vogel spricht in dieser ungewöhnlichen Umgebung über die Ausstellung "Leidenschaften", in die der Besucher durch einen Vorhang wie auf eine Bühne tritt. Natürlich: die Leidenschaften als ständiger Antrieb für das Stück auf der Bühne des Lebens. Oder so ähnlich. An Deutungsebenen mangelt es diesem Thema jedenfalls nicht.

Besagte Bühne gleicht auf den ersten Blick einem Einrichtungshaus. Die Inszenierung eines großen Themas in banaler Verschalung: einer simplen Wohnung mit hellen, meist weißen Möbeln. "Die Wohnung ist wie ein Sockel für die Exponate, sie darf nicht dominieren", begründet Mariame Clément diese Optik. Die Opernregisseurin zeichnet zusammen mit der Bühnenbildnerin Julia Hansen und Kuratorin Catherine Nichols für die Ausstellung verantwortlich. Fünfmal wird eine im Grunde gleich aussehende Wohnung zum Podium verschiedener Herangehensweisen an das komplexe Thema. Eine Kulisse, in der sich nicht nur unzählige Annäherungen an verschiedene Leidenschaften wie Angst, Liebe, Zorn, Ekel oder Staunen finden. Eine Kulisse, in der sich der Besucher umso mehr als Akteur begreifen muss, als Teil der Inszenierung. Zwischen all den Beispielen, Subtexten, Metaphern sucht er sich das Passende, den eigenen Weg.

Das Spiel beginnt sofort und unmittelbar hinterm Vorhang. Der erste metaphorische Ausdruck des Wilden und Ungezähmten ist das Modell eines sicher fünf Meter langen Krokodils. Das Reptil taucht an verschiedenen Stellen der rund 800 Quadratmeter großen Schau wieder auf. Erinnerung? Running Gag? Vielleicht beides. Ansonsten führt der erste Raum - die erste von fünf Abteilungen - hin zum Begriff. An der Wand hängen Listen. Wer zählte was unter Leidenschaften auf? Michel de Montaigne nur Zorn und Angst, Albert Camus sogar lediglich die Absurdität. Baruch de Spinoza legte dagegen 52 Begriffe vor, die er unter Leidenschaften subsumierte: von Wollust, Heiterkeit und Hoffnung bis zu Bestürzung und Ohnmacht. Jedem dieser Gemüts- und Seelenzustände könnte leicht eine eigene Ausstellung gewidmet werden.

Im zweiten Raum, der den Konflikt abbildet, greifen die Ausstellungsmacherinnen dabei auf die See-Metapher zurück. Das ruhig daliegende Meer, der sichere Hafen werden gegen den Sturm gestellt. Alles natürlich Entsprechungen dafür, wie Leidenschaften gelebt werden und wie ihnen begegnet wird. Die Möbel finden sich hier auf steilen Schrägen, unverrückbar wie auf einem Schiff. Ein paar Schritte weiter hat der Crash der Emotionen augenscheinlich doch stattgefunden, ist der Sturm umhergewirbelt.

Aus den Möbeln sind verhackstückte Ansammlungen ihrer Einzelteile geworden, die wiederum, Inseln gleich, zu Thementrägern mutieren: Im Bad simuliert das "Spiegel"-Titelbild des in Warschau knienden Bundeskanzler Willy Brandt Scham, eine Stacheldrahtrolle aus dem Ersten Weltkrieg im Regal repräsentiert den Hass. Und Christopher Locke fand mit seinen aus Scheren gefertigten Spinnen mehr als nur ein Bild der Angst - die Scheren wurden an Flughäfen konfisziert. Ist Sicherheit etwa die Leidenschaft unserer Tage?

Weiter geht es durch den Kosmos aus knapp 400 Exponaten, hin zur Bewältigung, zu Wegen der Zügelung. Es ist schließlich nicht so, dass den Leidenschaften nicht von verschiedenen Seiten Einhalt geboten wurde, durch die Religion beispielsweise. Ein Kanal mit ähnlichem Ziel: die Arbeit. Nervt uns nicht die größte Bank hierzulande mit ihrem Slogan "Leistung aus Leidenschaft"?

Und dann der Tusch, Finale. Der Durchgang wird zum Rundgang, die Wohnung kann nur noch von außen betrachtet werden. Der gläserne Käfig, in dem die Leidenschaft nun hockt, erweckt Mitgefühl, Empathie, die bleibt. Egal, wie oft man durch die Räume geht. Wer weiß schon genau, wo Leidenschaft beginnt - und wo sie endet?

Bis 30. Dezember im Hygiene-Museum Dresden, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr. Infos: www.dhmd.de

Martina Sulner 07.03.2012
Martina Sulner 06.03.2012