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Kultur Lena tritt bei den "MTV Europe Music Awards" gegen Britney Spears an
Nachrichten Kultur Lena tritt bei den "MTV Europe Music Awards" gegen Britney Spears an
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22:04 03.11.2011
Von Imre Grimm
Lena Meyer-Landrut (20) fordert bei den „MTV Europe Music Awards 2011“ in der Kategorie „World Wide Act“ US-Popveteranin Britney Spears (29) heraus.
Lena Meyer-Landrut (20) fordert bei den „MTV Europe Music Awards 2011“ in der Kategorie „World Wide Act“ US-Popveteranin Britney Spears (29) heraus. Quelle: dpa
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Wir schreiben das Jahr 2000: Deutschland erregt sich über „Big Brother“, die Olsen-Brüder gewinnen mit „Fly On The Wings Of Love“ den Eurovision Song Contest in Kopenhagen, Stefan Raab hat mit „Maschen-Draht-Zaun“ einen Nummer-eins-Hit, in Hannover ist Expo. Und in der Preussag-Arena haucht am 30. Oktober vor 13 000 Zuschauern die 18-jährige Britney Spears in einem Kätzchenoberteil auf einem pinkfarbenen Plüschbett sitzend „Born To Make You Happy“.

Auf dem Oberrang sitzt eine Neunjährige mit großen, dunklen Augen. Es ist ihr erstes Livekonzert. Britneys Poster hängen in ihrem Kinderzimmer in Hannover-Misburg. Sie heißt Lena Meyer-Landrut. „Ich weiß noch, dass es das Größte war“, sagte sie gestern. Elf Jahre danach, am kommenden Sonntag, begegnen sich beide bei den „MTV Europe Music Awards“ (EMAs) auf Augenhöhe. Denn die Karriere von Eurovisionssiegerin Lena, immer mal wieder totgesagt, hat eine überraschende Wendung genommen: Vor wenigen Wochen hat sie die MTV-Onlineabstimmung zum „Besten Deutschen Act“ bei den EMAs gewonnen (gegen die Beatsteaks, Clueso, Culcha Candela und Frida Gold). Damit rutschte sie in die Kategorie „Best European Act“ und gewann sensationell auch hier – gegen 22 Konkurrenten, darunter Adele aus England, mit deren Lied „My Same“ sich Lena im Herbst 2009 bei „Unser Star für Oslo“ beworben hatte. Damals, vor langer Zeit.

Nun ist Lena plötzlich die offizielle Vertreterin Europas in der Kategorie „World Wide Act“. Sie tritt gegen vier Popnummern an, die in ihrer Region der Erde allesamt Superstars sind: Big Bang aus Asien (Südkorea), Restart aus Lateinamerika (Brasilien), Abdelfattah Grini aus Afrika (Marokko) sowie die Kandidatin Nordamerikas: Britney Spears. Der Sieger wird in der Liveshow am Sonntag ab 21 Uhr in der nordirischen Hauptstadt Belfast bekannt gegeben.

Plötzlich findet sich Lena zwischen Coldplay, Lady Gaga, Adele und den Red Hot Chili Peppers wieder. Wie konnte das passieren? „Keine Ahnung“, sagte sie gestern. „Das war eine echte Überraschung, und ich freue mich unbeschreiblich doll. Ich habe einfach ganz phantastisch treue Fans.“ Und: „Für mich bedeutet das wahnsinnig viel, weil mir das zeigt, dass immer noch viele Leute an mich und meine Musik glauben.“

Der Erfolg zeigt zweierlei: erstens die frappante Multinationalität, hartnäckige Ergebenheit und Klickwütigkeit ihrer Fangemeinde (ein Lena-Fan hat aus einer Bohrmaschine, Sperrholz und einem iPhone eigens eine „Vote-Maschine“ gebastelt; maximale Leistung: 90 Klicks pro Minute). Und zweitens: 2011 ist für die 20-Jährige dann doch nicht das Katerjahr geworden, das ihr viele vorhergesagt hatten. Auch Basketballer Dirk Nowitzki rief seine 1,3 Millionen Facebook-Fans dazu auf, für Lena zu stimmen. Per Twitter (offizieller Account: @Lenas_View) bedankte sich Lena euphorisch („Oh verdammt, meine Güte, ihr seid ja der Wahnsinn“).

Lena gegen Britney – es ist ein kurioses Duell der Popkulturen: Die eine eine offensiv blonde, weiterhin sehr amerikanische Popikone, deren Lolitasex sich allmählich abnutzt. Die andere das optische Gegenteil: eine schmale, dunkle, auf das Wesentliche reduzierte Newcomerin – ein Popstar wie von Apple designt. Die eine: 29 Jahre alt, aufgewachsen in Kentwood (Louisiana), wohnhaft in Beverly Hills, seit 13 Jahren im Geschäft, Ex-Disney-Prinzessin, 100 Millionen verkaufte Platten, zwei Kinder, zwei Jahre Ehe mit Kevin Federline, 58 Stunden Ehe mit Jason Alexander, diverse öffentliche Krisen, Drogensucht, Kurzzeit-Glatze, falsche Freunde, Vater als Vormund, finanziell entmündigt – und eine hochtalentierte Entertainerin.

Die andere: 20 Jahre alt, geboren in Hannover, Abiturientin der IGS Roderbruch, wohnhaft in Köln, seit zwei Jahren im Geschäft, demnächst Studentin der Philosophie sowie Sprachen und Kulturen Afrikas, rund eine Million verkaufte Platten, keine öffentlichen Krisen, keine Drogen („Ich habe zu viel Schiss, den totalen Verlust der Muttersprache zu erleiden“), keine Glatze, aber seit Kurzem rothaarig – und ebenfalls eine hochtalentierte Entertainerin. Britney – ein Vorbild? Nun ja. „Manche spielen sich selbst in Jung“, hat Lena 2010 gesagt. „Bei Britney Spears hat das jahrelang geklappt. Nur: Ich habe einfach keinen Bock darauf, jahrelang 18 zu sein.“ Andererseits: „Britney Spears ist super, der absolute Wahnsinn. Beispielsweise ihr Gastauftritt in der Sitcom ,How I Met Your Mother‘. Da verarscht sie sich absolut selbst. Ich glaube, dass Britney Spears eine sehr lustige Frau ist.“

Ob sie früher wirklich Britney-Fan war, wollte Ina Müller jüngst in der ARD-Sendung „Inas Nacht“ wissen. Ja, sagte Lena. Und das sei sie immer noch. „Britney war cool, damals sowieso, auf jeden Fall. Supercool.“ Trotz des Schulmädchensex-Getues? „Das war ja nur das erste Lied“, sagte Lena, „dann kam ,Oops, I Did It Again‘, mit rotem Latexanzug. Ich habe mit meiner Freundin im Wohnzimmer Choreografien eingeübt und dann halbstündig zu den Eltern gesagt: ,wir haben da was vorbereitet ... ‘“ Eine professionelle Gemeinsamkeit gibt’s dann doch: Beiden – Britney wie Lena – hat die US-Songschreiberin und Sängerin der Eletropopband Supercute, Nicole Morier (31), schon Songs auf den Leib geschneidert: „Taken By A Stranger“ für Lena und „Take Me In“ (2008) sowie „How I Roll“ und „Trip To Your 
Heart“ (2011) für Britney Spears.

Es geht voran. Zuletzt war Lena in London, arbeitete an Songs für ihr drittes Album. „Ich treffe mich mit vielen verschiedenen interessanten Songwritern und Produzenten. Dabei sind schon ein paar tolle Songs entstanden.“ Das neue Album werde „persönlicher als zuvor, auch, weil ich viele Texte selber schreibe“.

Sie geht wieder zum Ballett, sie lernt Klavierspielen, sie singt kleine Songideen im Auto auf ihr iPhone, aus denen dann Lieder werden oder auch nicht. Und sie hat Verständnis für die Proteste ihrer Altersgenossen in Rom, Athen, Madrid, New York. „Ich kann das sehr gut nachvollziehen, wenn Jugendliche wütend sind“, sagte sie „Max“. „Eine Freundin von mir hat ein mittelmäßiges Abi gemacht und nach der Schule ein soziales Jahr eingelegt. Für ihre Arbeit hat sie keinen Cent bekommen. Sie hat sich in zwölf Städten für ein Studium in Sozialarbeit beworben, wurde aber nirgendwo angenommen.“

Sie selbst denkt gar nicht daran, sich in die Anonymität zu verabschieden. „Ich werde auch weiterhin das tun, was ich für richtig halte.“ Ob sie diese Britney-Nummer nun auch noch gewinnt oder nicht. Auftreten wird sie in der Show am Sonntag freilich nicht. „Nee“, sagt sie, „ich erfreu’ mich an Lady Gaga und Konsorten. Jessie J, Kanye West – das ist schon krass.“

„MTV Europe Music Awards 2011“ in Belfast mit Coldplay, Lady Gaga, Adele, Red Hot Chili Peppers, Lena u.a.: Sonntag, 21 Uhr, live und unverschlüsselt auf ViVA. Die Online-Abstimmung (de.mtvema.com) läuft noch bis heute Abend um 23.59 Uhr.

Johanna Di Blasi 03.11.2011
03.11.2011
03.11.2011