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Kultur Leute, Leute: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Gesicht
Nachrichten Kultur Leute, Leute: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Gesicht
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19:50 22.11.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Wer ist wer?
Das Prominentenportrait im Plural stammt von Brian Alfred. Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg
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Nein, der Mann auf dem Monitor gehört nicht dazu. Der Herr mit dem weißen Bart, den man beim Erzählen und Gestikulieren zuschauen kann, ist James Turrell. Seine Kunst zieht im Moment im Kunstmuseum Wolfsburg die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Für Wolfsburg hat Turrell phantastische Lichträume erfunden. Wer durch seine Farbwelt gehen will, muss sich Schutzbeutel über die Schuhe streifen – und kann sich dann wundersam schwebend durchs diffuse Licht bewegen. Gegen Turrells Lichtermeer kommt keine andere Kunst an. Oder doch? Wenn man neben die starke Lichtshow einen anderen Akzent setzen wollte, dann müsste man mit etwas Nahem kommen, etwas Persönlichem: mit Porträts. Und einem markanten Satz vielleicht.

Den hat man gefunden. „Ich zweifellos“ heißt die neue Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg, die parallel zur Turrell-Lichtwelt zu sehen ist. Während Namen von Kunstausstellungen sonst eher Fragen aufwerfen, ist dieser Titel eine Antwort. Und zwar auf das erfolgreiche Buch von Richard David Precht: „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“

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Auch der zweite Teil von Prechts Frage bleibt nicht unbeantwortet. 1309 Gesichter sollen hier zu sehen sein, behauptet Museumschef Markus Brüderlin und sagt, dass das die größte Porträtausstellung Niedersachsens sei. Wobei die Zahl nicht ganz stimmt: nur knapp über 900 Porträts sind ausgestellt. Immerhin.

Diese hohe Zahl ist freilich nur dank einer sehr speziellen Zählweise zu erreichen. Zählt man nicht die Gesichter, sondern die Künstler, sieht es anders aus: Werke von nur zehn Künstlern sind ausgestellt. Und bei einigen von ihnen gibt es das Porträt gleich in Großserie. Christian Boltanskis Arbeit „Menschlich“ gehört zu den großen Werken aus der Sammlung des Wolfsburger Kunstmuseums. 1300 anonyme Einzelporträts zeigt Boltanskis vollständige Arbeit, alles Fotos im Rahmen, alle schwarz-weiß, alle ein Abbild ihrer Zeit, alles Menschen. Etwa 720 Bilder (die genaue Zahl ist selbst der Kuratorin nicht geläufig) hängen eng beieinander in einem schummrig beleuchteten Saal – man spürt das Vergehen der Zeit, denkt auch ein wenig an Tod und Endlichkeit und freut sich, wenn’s danach wieder heller wird.

Und das wird es: Nach dem dunklen Entree (zu dem auch Fiona Tans Videoinstallation „A Lapse of Memory“ gehört) trifft man auf eine hübsche Gegenüberstellung. In einem Raum hängt neben Antoine Pesnes Bildnis des Grafen Matthias Johann von der Schulenburg-Emden (1661–1747), einem Vorfahren der Wolfsburger Schlossherren, ein Porträt von heute: Luc Tuymans’ „Hair“ aus dem Jahr 2000. Während Pesne den Grafen mit großer Geste zeigt, zeigt Tuymans einen Menschen ohne Gesicht. Zu sehen ist nur der Haaransatz, der Rest ist Leere. Tuymans, eigentlich ein Gegner des Plakativen und der Illustration, illustriert hier recht plakativ Michel Foucaults Befund vom Verschwinden des Subjekts, das sich auflöst wie ein von Wellen überspültes Gesicht im Sand.

So kann man Identität heute (auch eingedenk neuerer Erkenntnisse der Hirnforschung) auffassen: als Leerstelle. Andere Befunde stimmen ebenso wenig optimistisch. Mit schonungslosen Fotoporträts seines alkoholkranken Vaters zeigt Richard Billingham das Menschenantlitz in prekärer Lage. Cindy Sherman entwirft ihr Selbst immer wieder neu, und Elisabeth Peyton bringt ihre Porträtierten so zum Glühen, dass man befürchten muss, sie lösen sich in reine Farbigkeit auf.

Für andere gilt das Porträt nur im Plural. Brian Alfred hat Kleinporträts von mehr oder weniger Prominenten angefertigt. Sie hängen eng nebeneinander – und man fragt sich, wer hier wer ist. Aber im Grunde, das weiß man schnell, ist die Antwort ganz unwichtig.

Die Ausstellung ist eine schöne Weiterführung einer großen Porträtausstellung, die vor Kurzem im Landesmuseum Hannover eröffnet wurde. Die hannoversche Gesichtergalerie endete fröhlich, mit einem lachenden Barack Obama, fotografiert von Annie Leibovitz. Die Wolfsburger Perspektive reicht weiter – ins Nichts.

Bis zum 28. März im Wolfsburger Kunstmuseum.

Stefan Stosch 22.11.2009