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Kultur Liebeserklärung an Göttingen
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00:15 24.01.2013
Von Kristian Teetz
„Es wohnen Menschen, die ich liebe, in Göttingen, in Göttingen“ – Barbara besang die Versöhnung.
„Es wohnen Menschen, die ich liebe, in Göttingen, in Göttingen“ – Barbara besang die Versöhnung. Quelle: Karin Blüher
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Frank Sinatras „New York, New York“, Marc Cohens „Walking in Memphis“, Marlene Dietrichs „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“, Herbert Grönemeyers „Bochum“. Lieder über Städte gibt es viele. Sogar Delmenhorst wurde von der Gruppe Element of Crime schon geadelt. Aber Göttingen? Ja, auch Göttingen hat sein Lied, genau genommen sein Chanson. Und in diesen Tagen lohnt es sich, seine Geschichte zu erzählen, denn es handelt von der deutsch-französischen Aussöhnung.

Sie haben ihre Barbara nicht vergessen, in Göttingen, in Göttingen

Diese Geschichte beginnt in Paris, wo die junge Chansonsängerin Barbara Lieder der großen Sänger wie Jacques Brel und Juliette Gréco in kleinen Klubs covert. Im Jahr 1964 kommt der damalige Leiter des Jungen Theaters Göttingen, Hans-Gunther Klein, an die Seine und versucht, die Sängerin, zu einem Gastspiel in der fernen niedersächsischen Universitätsstadt zu überreden. Barbara lehnt ab. Die Jüdin, die mit bürgerlichem Namen Monique Serl hieß und den Namen ihrer Großmutter zu ihrem Künstlernamen werden ließ, hatte die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung nur in einem Versteck überleben können. Deutschland zu besuchen, kommt für sie 19 Jahre nach Kriegsende nicht infrage.

Doch dieser feste Vorsatz hält nicht lange an. Bereits am nächsten Tag ändert sie ihre Meinung und sagt zu. Es war nicht der im Vorjahr unterschriebene deutsch-französische Élysée-Vertrag, der sie umstimmte. Es war, so verriet die Sängerin in einem Interview, Sympathie für einen Menschen: „Ich machte es nur, weil ich diesen jungen Theaterdirektor fabelhaft fand.“

Sogar Delmenhorst wurde schon mit einem Lied geadelt. Aber Göttingen?

In Göttingen passiert dann das, was ein Élysée-Vertrag, ein diplomatischer Akt, ein Gespräch zwischen händeschüttelnden Staatschefs allein niemals leisten kann: Die Französin Barbara und deutsche Studenten aus der mittelgroßen Universitätsstadt kommen einander näher. Aus Begegnungen werden Freundschaften. Da ist die Sache mit dem Flügel. Barbara hatte vertraglich festhalten lassen, dass sie ihr Konzert in Göttingen nur auf einem Flügel spielt. Aber als die 34-Jährige auf die Bühne kommt, steht dort nur ein Klavier. Der Auftritt droht zu platzen. Doch das Engagement von zehn Göttinger Studenten rettet den Abend. Sie gehen in ein Wohnhaus neben dem Theater, schildern einer alten Dame, die einen Flügel besitzt, ihr Problem und tragen das Instrument aus der Wohnung auf die Bühne. Vorhang auf!

Das Engagement von zehn Göttinger Studenten rettet den Abend

Der Abend wird für Künstlerin und Publikum so schön, dass sich Barbara entschließt, ihren Aufenthalt um einige Tage zu verlängern. Sie verliebt sich in die Stadt, und so mancher aus der Stadt verliebt sich in sie. Am Nachmittag vor ihrem letzten Auftritt schreibt sie im Garten des Jungen Theaters einen neuen Chanson, in dem sie nicht nur ihre persönlichen Eindrücke festhält, sondern sie auch in einen Zusammenhang mit ihrer Heimat, der jüngeren deutsch-französischen Geschichte und der Möglichkeit, sich auszusöhnen, stellt. Sie nennt ihn „Göttingen“. „Ich hatte einen tiefen Wunsch nach Versöhnung“, betonte die Französin später einmal in einem Interview, „nicht aber nach Vergessen.“

In ihrem Chanson singt Barbara von den Brüdern Grimm, von den wunderschönen Rosen, die in Göttingen blühen, von deutschen Männernamen. Keine Strophe aber drückt den Wunsch nach einem neuen Miteinander so hoffnungsfroh aus wie die Worte:

Was ich nun sage, das klingt freilich

für manche Leute unverzeihlich:

Die Kinder sind genau die gleichen

in Paris, wie in Göttingen.

Für Barbara ändert sich in dieser Zeit nicht nur ihre Sicht auf Deutschland, auch ihre Karriere nimmt durch „Göttingen“ eine neue Wendung. Das Lied wird in Frankreich ein Hit, ihr erstes richtiges eigenes Album erscheint, ihr Chanson macht sie in ihrer Heimat zum Star. Drei Jahre später kommt Barbara noch einmal nach Göttingen. Sie spielt nun in der Stadthalle vor ausverkauftem Haus. Und sie überrascht ihre Fans, denn sie singt „Göttingen“ auch auf Deutsch.

Das Chanson macht Barbara in Frankreich zum Star

Vor zehn Jahren, anlässlich des 40. Jahrestages des Élysée-Vertrags, zitierte der ehemalige Göttinger Student und damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am symbolträchtigen Ort von Versailles in seiner Rede die drittletzte Strophe des Liedes:

Lasst diese Zeit nie wiederkehren

und nie mehr Hass die Welt zerstören:

Es wohnen Menschen, die ich liebe,

in Göttingen, in Göttingen.

Mit weniger Worten kann man den Geist des Élysée-Vertrags, den Charles de Gaulle und Konrad Adenauer heute vor 50 Jahren unterzeichneten, wohl nicht ausdrücken. Am 24. November 1997 starb Barbara. 250.000 Menschen trauerten auf den Straßen von Paris. Seit diesem Tag lässt die Stadt Göttingen jedes Jahr an ihrem Todestag Rosen auf ihr Grab auf dem Cimetière Parisien de Bagneux legen. Sie haben ihre Barbara nicht vergessen, in Göttingen, in Göttingen.

21.01.2013
Heinrich Thies 21.01.2013