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Kultur „Als 70-Jähriger ist man doch echt ein Greis“
Nachrichten Kultur „Als 70-Jähriger ist man doch echt ein Greis“
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06:44 20.04.2015
Der Liedermacher Achim Reichel geht wieder auf Tour.
Der Liedermacher Achim Reichel geht wieder auf Tour. Quelle: Angelika Warmuth
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Gleich ein wunder Punkt“, kommentiert Achim Reichel das Gastgeschenk. Briefpapier. Zu selten beantworte er Briefe, zu lange brüte er über richtige Formulierungen. „Der olle Jörg Fauser war so einer, der konnte so abgehackte Sätze“ – diese gekonnte Nachlässigkeit, die er für einen schnellen Brief bräuchte, liege ihm nicht. Fauser ist das Stichwort: Für das neue Album „Raureif“ vertonte Reichel einen Text des verstorbenen Beat-Autors, der lange mit ihm zusammenarbeitete.

Das ans Wohnhaus angegliederte Parterre-Studio im Norden Hamburgs wirkt überfrachtet. „Hier ist Chaos, das ist immer so, wenn ich mich vor einer Tour erst wieder finden muss“, sagt er entschuldigend. Doch es ist gemütlich: marokkanisch anmutender Wandteppich, erdfarbene Decken als Sofaüberzüge, eine Glasfront mit Blick auf den weitläufigen Garten, zu dem sich das Mischpult richtet. Gitarren allerorten. Sein ganzes Leben hat Reichel im Norden verbracht, in Wentorf bei Hamburg geboren, auf St. Pauli aufgewachsen, nun in einem stattlichen Anwesen im Norden Hamburgs. Heimat ist ihm wichtig. Dazu zählten für ihn aber nicht nur Sachsenwald und Elbe, sondern auch alte Melodien und Dichter.

Vieles davon hat er in den letzten 50 Jahren musikalisch verarbeitet: Begonnen mit der Beatmusik bei den Rattles über Shantyalben wie „Der Klabautermann“ bis zu Vertonungen deutscher Gedichte von Goethe, Heine und Storm auf der LP „Regenballade“ von 1978 und dann noch mal auf dem Album „Wilder Wassermann“ von 2002. Das waren alles keine massenwirksamen Themen. Funktioniert haben sie trotzdem. Immer raus aus der Langeweile, nicht stagnieren: Reichel mag keine Routine. Und bloß nicht irgendwelchen Erwartungen gerecht werden: „Ich habe mich vor Langem dafür entschieden, einfach nur noch das zu machen, wonach mir ist, und keinem falschen Herren zu dienen.“ Schlimm sei es, welchem Markt sich heute junge, talentierte Liedermacher stellen müssten. „Die haben es irre schwer, weil sie auf eine feindliche Medienlandschaft treffen.“ Englische Musik sei eben gefragter.

Reichel im Theater am Aegi

Am Mittwoch, 22. April, kommt Achim Reichel ins Theater am Aegi, Beginn ist um 20 Uhr. Tickets kosten 39 bis 52 Euro.

Manchmal redet er von sich in der dritten Person. Das muss am Erzählen liegen. Er ist durch und durch ein Geschichtenerzähler, er könnte ebenso gut mit einer Pfeife am Hamburger Hafen sitzen und dort reden, und man würde es ihm abnehmen. Er erzählt von seiner Selbstfindungsreise um seinen Siebzigsten herum, wie er am Mittelmeer anfing, wieder Texte zu schreiben: „Als ich merkte, dass die Songs von selber anklopften, habe ich es einfach zugelassen.“ Lieder, die weniger mediterran, vielmehr nordisch klingen mit dem Akkordeon, den Männerchören und der Mundharmonika. Seine Herkunft lässt ihn musikalisch nicht los, aber genau das haben seine Fans auch zuletzt mit Mails und Briefen eingefordert. Dem ist er dann doch nachgekommen, entgegen dem sooft geäußertem Anspruch, Erwartungen, zu unterlaufen.

Er ist auch kritisch geworden mit der Welt. Er erzählt von seinem Glauben an Gott und seiner Nähe zu Naturreligionen, klassifiziert die Kirche als Wirtschaftsunternehmen. Er erzählt von der Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und dass nicht jedes Volkslied zum Dritten Reich geführt habe. Über seine Vorstellung vom Paradies (immerhin stammt von ihm der berühmte Paarreim: „Ich hab das Paradies gesehen / Es war um 1910“): wertvolle Momente, die in einem stattfinden. Er findet sie manchmal beim Yoga: „Eine Übereinkunft mit mir und Welt.“

Im Januar ist Reichel 71 Jahre alt geworden. „Als 70-Jähriger ist man doch echt ein Greis. Und das bin ich nicht. Und das irritiert mich“, sagt er, und man versteht dieses Gefühl beim Anblick seines schelmischen Gesichts, umrahmt von weißblondem Strubbelhaar und Dreitagebart. Er wirkt sichtbar jünger als 71. Wenn es um seine Texte geht, ist das aber problematisch: Nicht mehr jedes Thema sei kleidsam. „Wenn ich den Don Juan raushängen lasse, ist das doch etwas paradox. Das wirkt doch sofort larmoyant oder kokett“, sagt er und wirkt dabei im Gespräch genau so: kokett.

Der Titel seines Albums, „Raureif“, soll seine Person widerspiegeln. „Einen reifen Kerl, der in gewisser Weise noch rau geblieben ist“, sagt er schmunzelnd. Dass das Album ebenso gut einen Zwischenzustand bezeichnet, zeigt sich am Lied „Herz der Dinge (Wach auf, wach auf)“: Eben jener Fauser-Text erinnert an den Rilke’schen Panther. Nur dass dieser hier ausbricht. „Wer weiß, wie lange wir noch haben“, heißt es bei Reichel. Mit „Reise Reise“ wird das Album nach hinten raus schwermütiger, ruft aber ebenso zum Aufbrechen und Segelsetzen auf. Ob Reichel auch noch einmal loszöge, in die Welt hinaus? Immerhin stammt er aus einer Seefahrerfamilie. „Das Leben lässt einem ja keine andere Wahl: Es ist endlich“, sagt er. „Das ist dann wahrscheinlich die größte Reise überhaupt.“

Von Katharina Derlin

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