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Kultur Literatur-Nobelpreis für Herta Müller
Nachrichten Kultur Literatur-Nobelpreis für Herta Müller
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22:04 08.10.2009
Von Jutta Rinas
Literatur-Nobelpreis für Rumäniendeutsche Herta Müller. Quelle: ddp
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Am Donnerstag um 13 Uhr war die Überraschung perfekt: Herta Müller wird als achte Deutsche und zugleich als zwölfte Frau überhaupt mit dem Literaturnobelpreis geehrt – und setzte sich damit in diesem Jahr gegen so renommierte Kandidaten wie Amos Oz, Joyce Carol Oates oder Philip Roth durch. Sie habe zwar glücklich gelacht, aber letztlich hätten ihr die Worte gefehlt, als er ihr die Nachricht telefonisch überbracht habe, beschrieb Peter Englund, Jurychef der Schwedischen Akademie, die den Preis verleiht, Müllers erste Reaktion. Auch am späten Nachmittag bei einer Pressekonferenz in Berlin hatte sich die Sprachlosigkeit der Autorin noch nicht in beredte Freude verwandelt. Es werde noch eine Weile dauern, bis sie alles verarbeitet habe, sagte Müller. Sie könne noch gar nicht darüber nachdenken, in welche Reihe von Autoren sie da gestellt worden sei.

Die Nobelpreis-Jury ehrte Herta Müller für die „Konzentration der Poesie“ und die „Offenheit der Prosa“, mit der die Schriftstellerin eine „Landschaft der Entrechteten“ zeichne. Der Nobelpreis wird die in einem kleinen Dorf im rumänischen Banat geborene und heute in Berlin lebende Autorin nicht nur aller finanziellen Sorgen entledigen – er ist mit knapp einer Million Euro dotiert. Er wird ihren Büchern weltweit neue Leser zuführen. Und das ist gut so. Denn Müller ist eine Autorin, an deren Sprachmächtigkeit, an deren herausragender Stellung in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart niemand ernsthaft zweifeln wird. Davon zeugen allein die vielen Preise, mit denen die Autorin bislang geehrt wurde. Derzeit ist Herta Müller mit ihrem Roman „Atemschaukel“ für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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Aber gerade die von der Nobelpreis-Jury gewürdigte „phantastische und kraftvolle Sprache“ lässt auch viele davor zurückschrecken, Herta Müller nicht nur zu ehren, sondern auch zu lesen. Zu verstörend wirken ihre unbarmherzigen Beschreibungen der Diktatur in Rumänien, zu hermetisch, zu verschlossen, zu abweisend wirkt ihre Sprache für den, der sich ihr nicht für eine Weile überlässt, um sich dann aber ihrem Sog, ihrer Magie nicht mehr entziehen zu können. „Atemschaukel“ heißt beispielsweise ihr neuer Roman, den sie eigentlich mit einem engen Freund, dem rumäniendeutschen Lyriker Oskar Pastior zusammen schreiben wollte. Aber Pastior starb, also schrieb sie ihn allein: ein Erinnerungsbuch, auch eine Gedächtnisschrift für den toten Freund.

Atemschaukel“, was für ein Wort! Ein typisches Herta-Müller-Wort. Etwas Beruhigendes, Kindliches schwingt für denjenigen darin mit, der den Roman nicht kennt. Beim Schaukeln sieht man Kinder vor sich, lachend, spielend. Aber Herta MüllersAtemschaukel“ meint etwas ganz anderes. Das Buch beschreibt das Lagerleben von deutschstämmigen Zwangsarbeitern in sowjetischer Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Alle in Rumänien lebenden deutschen Männer und Frauen im Alter von 17 und 45 Jahren wurden damals für den „Wiederaufbau“ der im Krieg zerstörten Sowjetunion in sowjetische Arbeitslager deportiert – auch Müllers Mutter. Und das Wort „Atemschaukel“ meint das Atemholen der Lagerinsassen und Lagerüberlebenden: Darin schaukeln die Angst und die Verzweiflung mit.

„Herzschaufel“ ist auch so ein Wort, in dem Müller mit den Erwartungen ihrer Leser spielt. Den Begriff „Herz“ verwendet sie oft, um mit ihm ungewöhnliche neue Wörter zu bilden. „Herztier“ heißt beispielsweise einer ihrer wichtigsten Romane von 1994, in dem es um Bestechungs- und Anpassungsversuche in der Dikatur in Rumänien geht. Auch „Herzschaufel“ in ihrem neuen Roman hat eine düstere Bedeutung: Sie bezeichnet die Schaufel, mit der Zwangsarbeiter Kohle schaufeln müssen, Tag für Tag, sodass der ganze Mensch irgendwann ein „Werkzeug der Schaufel“ ist. Dass Herta Müller ihre Prosa mit lyrischen Metaphern kombiniert, hat auch mit ihrer Herkunft zu tun. Aufgewachsen als Banater Schwäbin, als Teil einer deutschen Minderheit in Rumänien, schrieb sie in einer Sprache, die sich für sie „aus dem Lesen und aus einer politischen Haltung entwickelt hat“. Und aus der Erfahrung von Unterdrückung bezieht sie ihren inneren Zwang zum Schreiben. Als sie 1979 in einer Fabrik als Übersetzerin arbeitete, wollte die rumänische Securitate sie anwerben und verhörte, bedrohte und bespitzelte die junge Frau nach ihrer Weigerung, bis sie 1987 nach Deutschland ausreisen konnte.

Man hat es Herta Müller in Deutschland manchmal vorgeworfen, dass sie seitdem beharrlich an ihrem Thema, der Unterdrückung, der Verfolgung, den existenziellen Bedrohungen unter dem kommunistischen Regime Ceaucescus festgehalten hat. Sie könne nicht loskommen von der gesteuerten Verwahrlosung der Menschen in der Diktatur, hat sie dazu gesagt. Sie müsse sich „beim Schreiben dort aufhalten, wo ich innerlich am meisten verletzt bin, sonst müsste ich doch gar nicht schreiben“.

Leseprobe: Herta Müller liest auf www.lyrikline.org

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