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Kultur Lösch macht Theater mit Langzeitarbeitslosen
Nachrichten Kultur Lösch macht Theater mit Langzeitarbeitslosen
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09:16 17.01.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto: Tierisch was los im Großraumbüro: Doch dann werden Esel, Hund, Katze und Hahn nicht mehr gebraucht und machen sich auf den Weg, denn: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“
Tierisch was los im Großraumbüro: Doch dann werden Esel, Hund, Katze und Hahn nicht mehr gebraucht und machen sich auf den Weg, denn: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Quelle: Landsberg
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Bremen

So sieht das aus, wenn das Theater Revolution macht: Schauspieler eilen auf die Seitenbühne, wo sie von Requisiteuren mit Äxten versorgt werden, dann kehren sie zurück und hacken in einem verschwitzten Destruktionsballett einen Bürotisch klein. Und einen Flachbildschirm. Und eine Tastatur. Und ein Telefon. Und einen Bürostuhl. Selbstverständlich wird darauf geachtet, dass keine Trümmerstücke ins Parkett fliegen. Revolution auf der Bühne ist immer ein bisschen lächerlich – jedenfalls wenn Schauspieler so tun, als würden sie eine machen.

Regisseur Volker Lösch hat in Bremen „AltArmArbeitslos“ auf die Bühne gebracht, eine ziemlich kuriose Mischung aus Dokumentartheater und Märchenspiel. Grimms Märchen von den Bremer Stadtmusikanten (vorgetragen von mehr als 20 Choristen mit weißen Esels-, Hunde-, Katzen- oder Hahnmasken) strukturiert den Abend. Das Ensemble, in dem sich Schauspieler und ältere Arbeitslose zusammengefunden haben, erzählt von den vier Tieren, die sich, weil keiner sie mehr haben wollte, zusammengetan haben, um nach Bremen zu gehen, wo sie sich der Kunst widmen wollten. Bevor sie ihren Zielort erreichten, enterten sie ein Räuberhaus, vertrieben die Gauner und labten sich an den Köstlichkeiten auf dem Tisch.

Auf der Bremer Bühne gibt es auch ein Räuberhaus. Hier ist es ein Großraumbüro, in dem smarte Jungkräfte mit tänzerischer Leichtigkeit die Arbeit erledigen, die sie ihren älteren Kollegen weggenommen haben. Ungerechte Verhältnisse! Da kann man schon mal auf den Tisch hauen – oder ihn gleich ganz kaputt schlagen.

Volker Lösch ist im deutschen Theatersystem der Mann fürs Grobe. Der Wutbürger unter den Regisseuren hat Theater gegen den Krieg in Afghanistan gemacht, gegen die Ausgrenzung von Migranten angespielt und immer wieder von der Bühne aus gegen Armut und Arbeitslosigkeit gekämpft – wie etwa 2008 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, wo es einen kleinen Skandal gab, weil auf der Bühne die Namen Hamburger Millionäre verlesen wurden. Selbstverständlich engagiert er sich auch gegen „Stuttgart 21“.

Er wuchtet soziale Fragen auf die Bühne, die das Theater zwar auch sonst immer noch interessieren, aber gern mit einem gewissen Abstand diskutiert werden. Lösch will keinen Abstand. Er bedient sich der Hilfe von Betroffenen, denen er vor der Premiere beibringt, im Chor zu sprechen. Chorisches Sprechen macht immer viel Eindruck. Der 2001 gestorbene Regisseur Einar Schleef hat es Ende der achtziger Jahre im deutschen Theater eingeführt und war sehr erfolgreich damit.

Und so erzählen in Bremen die Arbeitslosen im Chor von den Nachteilen der Arbeitslosigkeit. Manchmal formulieren sie auch Forderungen wie „Weg mit Dumpinglöhnen!“ oder „Rente ohne Abzüge!“ oder „Weg mit Leiharbeit!“. Man müht sich ab auf der Bühne – aber selten nur und spärlich tröpfelt der Szenenapplaus.

Diesem zeitgenössischen Polittheater kann man vieles vorwerfen – die Absehbarkeit der Mittel, die Inflation des Chorischen, die Verwechslung von Bühne und Wirklichkeit, die Austauschbarkeit der Themen, das Modische, das Vampiristische, die Simplifizierung – aber nicht die Nähe zur Wirklichkeit.

Lösch will Nähe, und die schafft er durch Betroffene auf der Bühne. An älteren Menschen, die arbeitslos sind und nur wenig Geld zur Verfügung haben, herrscht in Bremen kein Mangel. 18 von ihnen hatten mit der Theaterarbeit die Chance, ihre Erwerbslosigkeit für einen Moment zu unterbrechen. Sie erzählen auf der Bühne nicht nur von den Bremer Stadtmusikanten, sondern auch von ihren eigenen Nöten. Einer – Typ Akademiker – sagt, er würde erst am Nachmittag aufstehen und dann die Nacht zum Lesen nutzen. Der Grund: „Ich kann den Zustand am Tag nicht ertragen.“

Eine Frau erzählt, dass sie sich immer mit Freundinnen trifft. Früher, vor der Arbeitslosigkeit, sei man öfter mal essen gegangen, jetzt treffen sich die Frauen – aus Rücksicht auf die Arbeitslose – in den heimischen Wohnzimmern. Als sie einmal absagen musste, sagte eine der Freundinnen: „Oh, dann können wir ja mal wieder essen gehen!“ „Ein Scheißgefühl“, sagt die Frau. „Der Stolz ist dahin“, hat zuvor ein arbeitsloser Mann gesagt.

Das Theater stellt Arbeitslose aus. Aber es stellt auch sich selbst aus. Wie die Arbeitslosen, so berichten auch die Schauspieler auf der Bühne von ihrer Situation. Zur neuen Spielzeit kommt ein neuer Intendant ans Bremer Theater. Michael Börgerding (der die Theaterakademie Hamburg leitete und in den neunziger Jahren Dramaturg am Staatsschauspiel Hannover war) wird neuer Chef. Den Üblichkeiten des Theaterbetriebs entsprechend wird er nicht alle Schauspieler des alten Ensembles übernehmen. Eva Gosciejewicz gehört zu jenen, die gehen müssen. Ihr droht die Arbeitslosigkeit. Der Markt für Schauspielerinnen Mitte 40 ist überschaubar. „Für Schauspielerinnen ist das ein Scheißalter“, sagt sie und trägt den Monolog der Medea vor – vielleicht sind ja Intendanten im Saal, die sie engagieren wollen.

Dass Arbeitslosigkeit schlimm ist, ist bekannt, dass Schauspielerexistenzen oft nicht sehr gesichert sind, weiß man auch. Lösch aber gelingt, es, das alles anschaulich zu machen. Sein Theater berührt. Und dafür kann man ihm vieles verzeihen: Fast auch die Axt im Schreibtisch.

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