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Kultur Luk Perceval inszeniert in Hamburg „Macbeth“ als düsteres Seelendrama
Nachrichten Kultur Luk Perceval inszeniert in Hamburg „Macbeth“ als düsteres Seelendrama
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20:12 23.10.2011
Von Heinrich Thies
Hinten anstellen: Macbeth (Bruno Cathomas, links) ist ein König im Hintergund. Quelle: dpa
Hamburg

Einprägsamer noch als die kraftvolle Sprache ist in dieser Shakespeare-Inszenierung das Spiel ohne Worte. Regisseur Luk Perceval hat den sprachgewaltigen Klassiker über Machtgier und Gewalt in ein surreales Gemälde verwandelt – eine beklemmende Szenenfolge, die das Innere der tragischen Helden theaterwirksam nach außen kehrt.

Schon das Bühnenbild spricht für sich: Auf dem Boden liegen wie nach einer Schlacht Soldatenstiefel verstreut, oben drüber baumeln etliche ramponierte Tische. Ein Bild der Verwüstung, das den Hintergrund der kompletten Inszenierung bildet, die mit gut anderthalb Stunden auskommt. Dem Publikum wird bei Weitem nicht die gesamte Tragödie präsentiert, sondern nur ein Konzentrat, ein düsteres Seelendrama – psychologisch verdichtet, aber eben auch äußerst konzentriert vorgetragen. Immer wieder wird der Fortgang der Handlung abgebremst und in Standbildern eingefroren.

Blut fließt nur in Gestalt von Worten, die großen Schlachtenszenen hat Regisseur Perceval ebenso eingespart wie viele andere Szenen und Nebenfiguren der episch breiten Handlung. Bisweilen hat dieses 400 Jahre alte Shakespeare-Stück in der Aufbereitung des Thalia-Oberspielleiters etwas von einem modernen Kammerspiel: Nachtgedanken eines Herrschers, der immer mehr in den Sog eines grausamen Machtkampfs gerät – angestachelt von einer Frau, deren Ehrgeiz ins Wahnhafte übersteigert ist. Die Lady Macbeth dieser Thalia-Inszenierung hat jedoch nichts Kaltbütiges. Maja Schöne stöckelt in ihrem engen, stahlblauen Kleid wie eine exaltierte Verführerin über die Bühne und tanzt erst eng mit König Duncan und dann mit ihrem Mann. Doch die Lady wirkt bei all dem nicht sonderlich souverän und durchtrieben, sondern total in sich selbst verklemmt.

Auch sonst gibt es keine Gewinner, sondern nur Leidende. Angst lähmt die Figuren. Entsprechend düster geht es zu. Von der ersten bis zur letzten Minute ist die Bühne in ein Halbdunkel getaucht, in dem nur immer wieder Macbeth (Bruno Cathomas) als tragische Lichtgestalt aufscheint: ein dickbauchiger Herr, der meistes flüstert, andauernd zögert und zaudert und nie zu erkennen gibt, was das eigentlich Berauschende an der Macht ist.

Selbstverständlich fehlen auch die Hexen nicht. Die nackten Damen mit den langen Haaren bewegen sich albtraumhaft im Zeitlupentempo über die Bühne oder räkeln sich als Schattengestalten im Hintergrund. Immer haftet ihrer Erotik etwas Dämonisches an. Die berühmten Eingangsworte der drei Hexen allerdings kommen aus dem Off. Wie ein Raunen klingen ihre Prophezeiungen – Einflüsterungen der Machtgier, die nicht von außen zu Macbeth vordringen, sondern seiner eigenen verkorksten Psyche zu entspringen scheinen wie andere Stimmen auch.

Dieses Konzept hat seinen Preis. Wer einen opulenten Shakespeare-Abend erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Sehr unterhaltsam ist das Ganze nicht. Das Publikum hat nichts zu lachen, es fehlen die komischen Zwischenszenen, die einem Gelegenheit zum Durchatmen geben. Und da sich die Aufführung ganz auf die Geschichte hinter der Geschichte konzentriert, kommt die eigentliche Story etwas kurz und wird streckenweise nur für Eingeweihte verständlich. Nach einem erfolgreichen Testlauf bei der Ruhrtriennale im September in Gladbeck reagierte das Premierenpublikum in Hamburg jetzt verhalten. In den Applaus mischten sich manche Buhrufe. Doch diese Inszenierung gehört vielleicht zu denen, die etwas Zeit brauchen, um sich durchzusetzen.

Wieder am 30. Oktober sowie am 8. und 24. November, Karten unter Telefon 040-32814444.

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