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Kultur „Grönland ist wie ein Magnet“
Nachrichten Kultur „Grönland ist wie ein Magnet“
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00:21 22.06.2014
Von Uwe Janssen
„Er hüpfte wie ein Gummiball vor mir herum. Gut, dass er angekettet war“: Schnappschuss von Hundefreund Axelsson.
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Hannover

Herr Axelsson, seit drei Jahrzehnten fotografieren Sie in Ihrer Heimat Island, aber auch in Grönland. Warum?

Ich wollte als junger Fotograf etwas zeigen, was von Bedeutung ist. Zuerst wollte ich den Hunger in Afrika dokumentieren. Aber ich war zu spät. Alle waren schon da. So entschied ich mich, in diese kalte Gegend zu gehen, um den Menschen Dinge zu zeigen, über die sie wenig wissen. Niemand arbeitet da gern. Es ist kalt, dir frieren die Fingernägel ab, deine Ausrüstung geht kaputt. Aber ich hatte Bilder, die sonst niemand hatte. Anfangs stieß das auf wenig Interesse. Aber es wurde immer mehr.

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Sie dokumentieren auch den Klimawandel in Ihrer Arbeit. War das immer Ihr Ziel?

Vor 30 Jahren, als ich anfing, in Grönland zu fotografieren, habe ich überhaupt nicht über den Klimawandel und das Abschmelzen des Eises nachgedacht. Die Inuit-Jäger in Grönland, die ich fotografierte, sagten irgendwann, dass etwas falsch läuft. Sie sagten: Das Eis ist krank. Mittlerweile ist das meterdicke Eis, auf dem ich damals stand und Bilder machte, an denselben Stellen nur noch wenige Zentimeter dick. Springt man, bricht man ein.

Zum Thema

Weitere Artikel zum Lumix-Festival auf unserer Themenseite.

Haben die Menschen in Grönland Zukunftsangst?

Es gibt eine junge Generation, die aktiv ist und etwas verändern will. Die Jäger haben Angst um ihre Zukunft, weil es ihre Existenz ist. Die Suizidrate unter ihnen ist hoch.

Ist der Klimawandel zu Ihrem zentralen Thema geworden?

Ich habe irgendwann bemerkt, dass ich dieses Thema weitermachen will. Ich fühlte mich wie ein Puzzleteil in einem großen Bild. Alle müssen ihren Teil beitragen, ob Journalisten oder Wissenschaftler. Mein Part ist es, das zu dokumentieren, was dort passiert. Und es passiert. Jetzt gerade.

Mit Ihrer Fotografie sind Sie mittlerweile weltbekannt.

Bin ich?

Glauben Sie nicht?

Ich habe das jedenfalls nie so richtig verstanden.

Trotzdem arbeiten Sie noch bei einer isländischen Tageszeitung.

Ja, das ist eine ganz andere Welt. Das ist der Traktor auf dem Feld. Meine private Arbeit ist der Porsche zu Hause.

Ein Porsche in Schwarz-Weiß.

Wenn ich auf Reisen bin, fotografiere ich in Schwarz-Weiß. Ich liebe es. Bei der täglichen Arbeit für die Zeitung mache ich das nie. Weil ich das Gefühl nicht zerstören will.

Finanzieren Sie das eine mit dem anderen?

Ich habe immer alles selbst bezahlt, ich habe mal ein Auto verkauft, sogar mal eine Kamera, um meine Reise finanzieren zu können. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, will ich es auch verwirklichen. Ich habe mal Fußball gespielt. Ich hasse es, zu verlieren.

Fliegen Sie regelmäßig nach Grönland?

Grönland ist zu einer Herzensangelegenheit geworden. Ich muss immer wieder hin. Das ist ganz komisch. Ein seltsames Land. Wie ein Magnet, der dich immer wieder anzieht.

Könnten Sie dort leben?

Eine Zeit, ja. Aber immer - nein. Es dauert Jahre, bis man sich umgestellt hat.

Warum?

Es ist eine andere Welt. Alles ist langsam. Viele Menschen haben die Mentalität der Jäger. Sie jagen, wenn sie Hunger haben. Manche Leute gehen zur Arbeit, und wenn sie bezahlt worden sind, gehen sie erst wieder arbeiten, wenn das Geld alle ist. Und versuch mal, ein Foto aus Grönland per Mail zu senden. Aber es ist sehr entspannend. Wenn man in die moderne Welt zurückkommt, fällt einem auf, wie dumm hier vieles ist.

Sie sind Pilot und fliegen auch manchmal zur Arbeit. Nützlich, oder?

Sehr. Ich wollte immer Pilot werden, aber es gab keine Jobs für Piloten. Ich hätte die älteren Piloten erschießen müssen, aber das verbietet ja das Gesetz. Also bin ich Fotograf geworden. Dafür konnte ich das Fliegen gut gebrauchen. Und es ist sehr entspannend. Ich bin in einem Fliegerklub. Unsere Flugzeuge sind alle älter als 50 Jahre.

Sie sprechen - wie jetzt auf dem Lumix-Fotofestival - oft vor Studenten. Was empfehlen Sie ihnen?

Es kreist heute alles ums Geld. Als ich das Grönland-Projekt begann, sagten alle: „Warum machst du das? Es ist dumm, da immer wieder hinzufahren und dauernd die gleichen Bilder zu machen.“ Es wird immer wieder Leute geben, die dich für verrückt halten, aber man muss als Fotograf seinem Gefühl, seinen Ideen und Idealen folgen. Wenn man das nicht machte und immer wieder den Rahmen sprengte, würden heute alle Lieder gleich klingen. Und ich bin sicher, der eigene Weg wird sich am Ende immer bezahlt machen.

Sie haben nicht nur Fußball gespielt, sondern in Island sogar einen Klub mitgegründet. Spielen Sie selber auch noch?

Nein, ich gucke nur noch.

Wer wird Weltmeister?

In Island glauben alle: Deutschland.

Interview: Uwe Janssen

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