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Kultur Lutz Seilers Erzählungsband "Die Zeitwaage"
Nachrichten Kultur Lutz Seilers Erzählungsband "Die Zeitwaage"
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08:00 12.06.2010
Von Thorsten Fuchs
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Früher war er selbst einer von den Werktätigen. Aber jetzt war er nach Berlin gezogen, noch ohne rechtes Ziel. Dieser Arbeiter verkörpert die Vergangenheit des Erzählers, und zugleich verdeutlicht er ihm, dass er nie so recht dazugehörte. Mitten in diesem Gefühl von Distanz beginnt er zu schreiben.

Der Anfang selbst ist noch tastend, unsicher, die Szene aus der Erzählung „Die Zeitwaage“ aus Lutz Seilers gleichnamigem Band aber ist hochsymbolisch. Sie reflektiert die Art seines Schreibens und ihr eigenes Entstehen. Der 46-jährige Seiler, dessen Buch es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte und ihm gerade den Fontane-Preis einbrachte, hatte in der DDR nach dem Abitur als Maurer und Zimmermann gearbeitet und Bücher erst während seiner Zeit bei der NVA für sich entdeckt. Sein Fundus waren später die aussortierten Werke aus der Bücherei der Leuna-Werke in seinem Heimatort in Thüringen. Und wie der Erzähler in „Zeitwaage“ zog er nach Berlin und wurde hier zum Autor.

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Die meisten der 13 Erzählungen spiegeln diese Biografie kaum verschlüsselt wider. Die Schauplätze dieser stillen, melancholischen und doch zugleich unsentimentalen Skizzen sind die Orte in Sichtweite der Schornsteine, die Zeit sind die sechziger Jahre bis zur Wende, die Geschichten handeln vom Mysterium des ersten Kusses, dem letzten Schachspiel mit dem Vater und dem ersten mit der ersten Freundin. Wo sich Seiler mit seinen Figuren doch mal in die Ferne wagt, enden sie entweder als Groteske (wie „Turksib“, mit der er den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann) oder unglücklich (wie die beiden Shortstorys aus Kalifornien zu Beginn des Bandes).

In „Die Zeitwaage“, der Schlüsselerzählung, führt der Weg zum eigenen Schreiben über den Tod des Arbeiters. Beim Beobachten dieses Mannes in seiner leuchtenden Weste fühlt er sich wie aus dem Paradies der Vergangenheit vertrieben: „Ein ganzer Kontinent des Guten und Richtigen, der abgebrochen und in die Tiefe gesackt, aber nun riesig und dunkelvertraut wieder auftauchte vor meinen Augen.“

Der Arbeiter stirbt durch einen Stromschlag, in der Beschreibung dieser Szene wird der Erzähler zum Erzähler. Das ist überdeutlich metaphorisch, zugleich aber ist diese Erzählung, wie die anderen in diesem Band, so genau, sympathisch und poetisch, dass Seiler sich damit in die erste Reihe der deutschsprachigen Erzähler geschrieben hat.

Lutz Seiler: „Die Zeitwaage“. Suhrkamp. 288 Seiten, 22,80 Euro.