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Kultur Lyonel Feininger in einer Ausstellung der Stiftung Ahlers
Nachrichten Kultur Lyonel Feininger in einer Ausstellung der Stiftung Ahlers
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08:00 30.10.2010
Von Johanna Di Blasi
"On the Shore of our Sea" (1911) von Lyonel Feininger in der Ausstellung "Schiffe und Meer" in der Stiftung Ahrens.
Ausstellung "Schiffe und Meer": Feininger, wie man ihn kaum kennt, "On the Shore of our Sea" (1911). Quelle: Lyonel Feininger
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Wären Dieter Roth und Lyonel Feininger Zeitgenossen gewesen und hätten sich ein Büro teilen müssen – es wäre eine Katastrophe geworden. Roth hätte seinen Schreibtisch zugemüllt – sein 2002 auf der documenta 11 gezeigtes Werk „Große Tischruine“ vermittelt einen Eindruck davon. Feininger hätte hingegen filigrane Modellboote gebastelt, mit der Genauigkeit japanischer Papierfaltkunst, oder mit Tusche abstrakte Zeichnungen geschaffen, fein wie Schneiderschnittmuster.

Nach einer charmant-chaotischen Dieter-Roth-Schau präsentiert die hannoversche Stiftung Ahlers jetzt eine exquisite Feininger-Ausstellung. Der Kunstsammler Jan Ahlers schätzt beide Künstler. Als kunstliebender Privatier kann sich der Textilfabrikant den Luxus leisten, in unterschiedlichste Richtungen zu sammeln. Der Titel der Ausstellung lautet „Schiffe und Meer“. Es geht um die Seestücke des bedeutenden Bauhaus-Lehrers, der von 1871 bis 1956 lebte. Noch zu Lebzeiten hatte ihm die Kestnergesellschaft in eben jenen Räumen, die heute die Stiftung Ahlers beherbergen, zwei Ausstellungen gewidmet (1951 und 1954).

Einige der knapp 60 malerischen und grafischen Liebeserklärungen ans Schiff waren noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt. Allein das macht die kleine Schau sehenswert. Die Stiftung Ahlers hat ihren begrenzten Bestand an Feininger-Originalen um eine Fülle von Leihgaben aus Privatsammlungen und Museen ergänzt, darunter Bilder aus dem Sprengel Museum und ein besonders schönes Gemälde aus Feiningers reifer Phase, „Regamündung“ von 1929, aus der Hamburger Kunsthalle. Wie schon bei der Roth-Schau, die der ehemalige documenta-Leiter Jan Hoet einrichtete, gibt es wieder einen ausgesprochenen Experten als Kurator: Ulrich Luckhardt von der Hamburger Kunsthalle.

Das Schiffmotiv zieht sich bei Feininger durchs Gesamtwerk. Für schnittige Jachten, mächtige Hochseedampfer mit burgartig aufgetürmten Stockwerken und geschäftige Frachtschiffe mit langen grauen Rauchfahnen hat er sich zeitlebens eine kindliche Begeisterung bewahrt. In den frühen Bildern von 1911 an, als das Motiv zum ersten Mal auftaucht, blicken Damen und Herren der feinen Gesellschaft mit Monokeln oder Feldstechern hinaus auf die Schiffe. Bei einem Parisaufenthalt 1912 kam Feininger mit dem Kubismus im Keimstadium in Berührung – und begann Wellen, Himmel und Boote kubistisch aufzusplittern. 1919, als er von Walter Gropius ans Bauhaus berufen wurde, war auch seine Farbpalette kubistisch braun. In den zwanziger Jahren löste Feininger sich dann von äußeren Einflüssen und fand zu einem ganz eigenen Stil: Die Schiffe sind nun eingefügt in dramatische Licht- und Schattenräume. Noch in den amerikanischen Jahren verfolgte Feininger das Motiv weiter, stets als Erinnerung an Ostseeurlaube. „Feininger hat von der Ostsee gelebt“, erklärt Luckhardt.

Merkwürdig bei dieser lebenslangen Begeisterung für Schiffe ist: Feininger hat das Segeln gehasst. Überfahrten von Europa in die USA waren für ihn eine Tortur. Er neigte zu Seekrankheit. Modellboote gebastelt, allein oder mit seinen Kindern, aber hat er sein Leben lang – zur Entspannung. Bei Ausstellungen der Stiftung Ahlers fühlt man sich immer ein wenig wie beim Sammler zu Hause. Meistens erfährt man auch etwas über die Sammelmotivation. Diesmal stößt man im Eingangsbereich auf ein Bild eines prächtigen Segelschiffes namens „Theodore“. Es stammt nicht von Feininger, sondern zeigt das Segelboot des Urgroßvaters des Sammlers.

Die Ausstellung "Schiffe und Meer" in der Stiftung Ahlers, Warmbüchenstraße vom 16, bis 13. Februar, freitags bis sonntags 12 bis 17 Uhr. Katalog 15 Euro.

Johanna Di Blasi 30.10.2010
Kristian Teetz 30.10.2010