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Kultur M'era Luna lockt Zehntausende an
Nachrichten Kultur M'era Luna lockt Zehntausende an
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09:32 10.08.2009
Schrille Optik ist ein Muss beim M'era Luna.
Schrille Optik ist ein Muss beim M'era Luna. Quelle: Chris Gossmann
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Wo man hinsieht, schwitzen Schwarzgekleidete in langen Röcken, Korsett, Frack und Zylinder bei gefühlten 35 Grad im Schatten. Beim zehnten M’era Luna Festival auf dem Gelände des Hildesheimer Flughafens wird das Schaulaufen der rund 23 000 Besucher zum Ereignis. Wer gesehen werden möchte, flaniert entlang der Absperrung vor dem Eingang.

So wie ein Besucher mit dem Künstlernamen Silberlöwe, der sich immer gern zu einem Foto bereit erklärt. „Ich bin hier mit der Einstellung hingegangen, dass ich irgendwo in der Zeitung zu sehen sein will.“ Dabei ist der 38-Jährige mit seiner hüftlangen blauschwarzen Haarpracht, dem silberweiß getünchten Gesicht und den perfekt angepassten Vampirzähnen nicht einmal der auffälligste.

Das M’era Luna am Wochenende auf dem Hildesheimer Flugplatz war wieder ein Schaulaufen der Gothic- und Darkwave-Anhänger. Zu dem größten Szene-Treff Europas kamen laut Veranstalter mehr als 23 000 Menschen. 40 Bands spielten auf zwei Bühnen.

Unter all den Gothic-Punks, Emos, Metallern und Mittelalterfans stechen besonders die Visual Keis heraus – puppenhafte, stark geschminkte Menschen in bonbonfarbenen Kleidern, Korsetts und Plateaustiefeln. Die 26-jährige Melanie will sich zu keiner dieser Gruppen zählen lassen. „Eigentlich gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Richtungen. Das, was uns verbindet, ist das Festival.“ Ihr gesamtes Outfit – von den Lackplateaus mit Flammenmuster bis zum Latexröckchen – hat sie im Internet ersteigert.

Die Stuttgarterin ist gemeinsam mit ihrem Freund Thorsten gekommen. Der fühlt sich zwischen all den bizarren Gestalten etwas verloren, obwohl die vierzig Bändchen an seinem Arm beweisen, dass er ein erfahrener Festivalgänger ist. Die Show von Apocalyptica ist heute sein Favorit. Ein paar Hundert Meter staubtrockenen Bodens weiter sitzen Oz und Louise. Eigens aus England sind sie angereist: „Den langen Weg haben wir vor allem wegen der Band Blutengel auf uns genommen“, sagt Oz, der unter seinem Zylinder mächtig schwitzt, während sich Louise mit ihrem Federfächer verzweifelt Luft zuwedelt. Mittlerweile ist die Sicht getrübt, weil immer mehr Füße den Staub vor der Bühne aufwirbeln. Das Martinshorn erklingt: Wieder ist eine mittelalterlich anmutende Grazie in engem Korsett den Temperaturen zum Opfer gefallen.

Die Sonne hinterlässt aber auch anderweitig Spuren. Die interessante Form so manchen Sonnenbrands zeigt eindrucksvoll, wo die Kleidung gestern Löcher hatte. Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr eine Modenschau auf dem M’era Luna. Von Sadomaso bis kleine Prinzessin: Viele Stile, Farben, Materialien präsentieren die Models. Nur körperbetont muss es sein. Dass es Gothic-Mode auch in einigermaßen kindgerechter Form gibt, zeigt die ein oder andere Zehnjährige, die mit Mama und Papa auf dem Gelände unterwegs ist. Das Festival als Wochenendausflug? Das scheint zu funktionieren, zumindest mit Ohrenschützern und ausreichendem Abstand zur Bühne. Seit der Geburtsstunde des Festivals werden die Besucher für ihre Unkompliziertheit und Friedfertigkeit gelobt. „Kein Rumgepöbel, keine Schlägereien, keine Alkoholexzesse“, sagt die 22-jährige Kathrin, die bereits zum fünften Mal dabei ist. Ihre lange platinblonde Mähne leuchtet, der bodenlange, samtene Reifrock wippt bei jeder Bewegung. „Außerdem ist das M’era Luna kein Teeniefestival, die meisten Leute sind älter und weg vom pubertären Zerstörungstrieb.“

Aber feiern können sie alle, die Maskenträger, Kettenbehängten und Krankenpflegerparodien. Als Apocalyptica mit ihrer Show in den letzten Zügen liegen, ist das frenetische Johlen und Jubeln der Menge lauter als die Musik. Passend zu Nightwishs nebulös-düsterem Metallsound pustet irgendjemand aus dem Publikum Seifenblasen in den Nachthimmel, jeder neue Song der Finnen wird mit Beifall und gereckten Fäusten begrüßt, die Feuershow mit Jubel belohnt. Je lauter die Bässe, desto enthusiastischer der Applaus. Einträchtig feiert die Szene, ob Metaller oder Emo. Die Kinder sind inzwischen im Bett.

Von Johanna Günther

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