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Kultur MGMT: Lieber tot als verkauft
Nachrichten Kultur MGMT: Lieber tot als verkauft
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13:41 13.04.2010
Von Karsten Röhrbein
MGMT-Gründungsmitglied Andrew VanWyndgarden Quelle: afp
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Songs von MGMT sind eigentlich eine Zumutung: Sie sind aberwitzig überdreht, hemmungslos infantil und schrecklich simpel. Aber sie machen süchtig. Weil sie glücklich machen. Kaum einer anderen Band ist es in den vergangenen Jahren so eindrucksvoll gelungen, das große Glücksversprechen von Pop einzulösen wie MGMT, diesem obskuren Neo-Hippie-Duo aus Brooklyn, New York. Der herrlich kitschige Kindergeburtstagssound ihres Debüts, der druckvoll komprimiert aus den Boxen knallte, begeisterte Fans wie Kritiker gleichermaßen. So wählten nicht nur die Autoren der einflussreichen britischen Popmusikpostille „New Musical Express“ das Debüt „Oracular Spectacular“ zum Album des Jahres 2008, auch die Leser vergaben Bestnoten für MGMT-Titel. „Kids“ wurde „Song des Jahres“, „Time To Pretend“ und „Electric Feel“ landeten auf den Plätzen vier und fünf. Die Kunststudenten Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser setzten dem Blues der Weltwirtschaftskrise ausgelassen stampfende Vierminüter entgegen, die die wehmütige Erinnerung an unbeschwerte Jugendtage mit einer naiven Vorfreude auf das Erwachsensein zu einer einzigartigen Mischung amalgamierten. Auch zwei Jahre später sind die simplen Synthesizermelodien von MGMT deshalb noch immer verlässlicher Höhepunkt einer Partynacht.

Doch mit Instanthits ist jetzt Schluss. Auf ihrem zweiten Album „Congratulations“ macht MGMT alles anders – und weiß schon vorher, dass das nicht ohne Reibungsverluste bleibt: Nachdem die Band mit „Flash Delirium“ einen psychedelischen Albenvorboten als kostenlosen Download ins Internet gestellt hatte, der komplett ohne Refrain auskommt, hagelte es so viel Kritik, dass sich der 26-jährige Goldwasser zu einer Stellungnahme genötigt sah. „Wir dachten, das wäre das Witzigste, was wir jemals gehört haben. Ich bin sicher, es gibt viele Leute, die denken, es ist komplett verrückt und nicht das, was sie erwartet haben. Es tut mir leid“, schrieb er auf der MGMT-Homepage.

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Das wäre nicht nötig gewesen. Denn „Flash Delirium“ weist MGMT als erfrischend vielseitige Erneuerer der populären Musik aus. Während viele Kollegen am unterkühlten Achtziger-Synthesizer-Pop festhalten, kramen Vanwyngarden und Goldwasser alte Love-Platten hervor und feiern die heute schon fast vergessene Opulenz und Experimentierfreude der späten Sechziger und frühen Siebziger. Zu Bass, Schlagzeug und warm wabernder Orgel gesellen sich Oboe, Querflöte und knarzende Synthesizer-Synkopen. Zu Vanwyngardens schillerndem Falsettgesang trifft Glamrock auf Bubblegumpop. Der Irrsinn endet abrupt. Mit Gelächter.

Doch wer „Congratulations“ nur auf psychedelisches Delirieren reduziert, ignoriert, wie kenntnisreich MGMT den – oft verkannten – Grenzgängern der britischen Popmusik nachspürt. Auf den fiebrigen Opener „It’s Working“, in dem ein Cembalo vor schwer verhallten Drums und pulsierenden Bassläufen funkeln darf, huldigt das Duo einem unterschätzten Wegbereiter des neuen Britpop: „Song For Dan Treacy“ ist eine Hommage an den Sänger der Band Television Personalities. Matt Asti (Bass), Will Berman (Schlagzeug) und James Richardson (Gitarre) bilden den beat- und melodieverliebten Indiepop der frühen Achtziger nach, ohne den die Britpopwelle der Neunziger undenkbar gewesen wäre.

Wer genau hinhört, entdeckt noch mehr musikhistorische Querverweise. Vanwyngarden und Goldwasser spielen gern ironisch mit der Tradition des avandgardistischen Art-School-Rock. Auch vor Produzentenlegende und Ambient-Pionier Brian Eno verneigen sich die beiden Kunsthochschulabsolventen. Dies dürfte vermutlich auch erklären, warum sie mit „Siberian Breaks“ einen 12 Minuten und 14 Sekunden langen Song in der Mitte des Albums platziert haben, der ein musikalisches Abbild Sibiriens sein soll. Die einzige Berechtigung, die das unspektakuläre Stück hat, ist ein abgewandeltes Zitat aus dem The-Who-Klassiker „My Generation“: „I hope I die before I get sold.“

Dass MGMT selbst sich für ihre Karriere verkauft, kann man der Band nicht nachsagen. „Die Leute verlangen Hits“, hat Goldwasser kürzlich gesagt, „so funktionieren wir aber nicht.“ Diesen Mut haben nicht viele Bands. Und nur wenigen gelingt es, den Blick auf die Musikgeschichte so unterhaltsam wie lehrreich zu schärfen wie MGMT. Glückwunsch!