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Kultur „Mademoiselle Chambon“: Stéphane Brizé gelingt intensiver Film
Nachrichten Kultur „Mademoiselle Chambon“: Stéphane Brizé gelingt intensiver Film
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19:39 11.08.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Zarte Versuchung: Die Lehrerin Veronique Chambon (Sandrine Kiberlain) bezirzt den Maurer Jean mit ihrem Geigenspiel.
Zarte Versuchung: Die Lehrerin Veronique Chambon (Sandrine Kiberlain) bezirzt den Maurer Jean mit ihrem Geigenspiel. Quelle: Arsenal Films
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Es beginnt ganz geruhsam, mit einer Folge von Szenen aus einer ganz normalen Ehe, einem ganz durchschnittlichen Leben. Jean (Vincent Lindon) arbeitet als Maurer, Anne-­Marie (Aure Atika) in einer Druckerei. Beide reden nicht allzu viel, gehen aber durchaus liebe- und rücksichtsvoll miteinander um. Er kümmert sich mit sympathischer Selbstverständlichkeit um seinen alten Vater. Beide Eheleute versuchen, ihrem kleinen Sohn bei den Hausaufgaben zu helfen: Was war noch gleich das „Akkusativobjekt“? Sie bemühen sich ernsthaft, aber nicht verbissen um das heikle grammatische Problem – und sind sichtlich erleichtert, als sie die Frage letztlich beantworten können. Diese Szene hat sanft-komische Züge, sie gibt die Personen aber nicht der Lächerlichkeit preis, sondern zeigt sie als rührende Eltern. Das Leben geht seinen geordneten Gang, bedrückend ist es nicht.

So führt der Film „Mademoiselle Chambon“ in den unaufregenden Ehealltag von Jean und Anne-Marie ein. Regisseur Stéphane Brizé, der mit Florence Vignon auch noch das mit einem César ausgezeichnete Drehbuch nach einem Roman von Eric Holder geschrieben hat, lässt sich für all seine Sequenzen viel Zeit, verwendet in seinem fünften Spielfilm seit 1999 (darunter „Man muss mich nicht lieben“, 2005) viel Sorgfalt auf die Beobachtung alltäglicher Verrichtungen. Die Figuren gehen mit einer unangestrengten „Es ist, wie es ist“-Haltung durch ihre Tage.

Dieses eingespielte Leben in der französischen Provinz gerät ins Trudeln, als Jean die Lehrerin seines Sohnes kennenlernt: die zierliche, etwas jenseitig wirkende Mademoiselle Véronique Chambon (Sandrine Kiberlain). Vorsichtig zeigt der Film die wachsende Anziehungskraft, die beide aufeinander ausüben, und wie das Jean tief verunsichert. Will er so weiterleben wie bisher? Ist er zufrieden mit seinem geordneten Familienleben oder vielleicht nur bequem oder gar resigniert?

Mit großem Geschick entwickelt der Film – so beredt wie wortkarg – eine ausgefeilte Sprache der Blicke und Gesten, zeigt mit großer Delikatesse, aber auch liebevoller Ironie die Verlegenheit, mit der beide sich näherkommen. Wie ihre Blicke sich ausweichen und sich treffen, wie sie sich mit ihren Blicken abtasten, wie die beiden sich stumm gegenseitig einzuschätzen, im Gesicht des andern zu lesen versuchen.

Die Unbeholfenheit wirkt sehr natürlich. Beide Schauspieler, die im realen Leben eine Zeitlang miteinander verheiratet waren, wirken eingespielt. Die Annäherung ihrer Figuren ist Schritt für Schritt nachvollziehbar. Als Jean bei ihr ein neues Fenster einsetzt und er ihr Hobby, das Geigenspiel, entdeckt, öffnet sich ihm eine neue Welt, die diese scheue Lehrerin verkörpert. Sie steht auch für das ganz andere, auf das sich seine unbestimmte Sehnsucht richtet.

Zunächst wird seine wachsende Verunsicherung noch durch die Routine des Alltags überdeckt, bald wirkt er zu Hause und bei der Arbeit zunehmend abwesend, schließlich aggressiv.

Wie soll er sich entscheiden? Sein bisheriges Leben gab ihm Geborgenheit, er hat eine nette Frau, einen Sohn, den er liebt. Nichts stößt ihn ab, aber etwas Unbestimmtes zieht ihn an. Ist es die „Soll das schon alles gewesen sein?“-Frage, die die Irritationen der sogenannten Midlifecrisis begleiten? Jedenfalls verliert die soziale Differenz, die zwischen dem Maurer und der Lehrerin besteht und am Beginn der gegenseitigen Faszination eine große Rolle gespielt hat, im Verlauf der Filmerzählung ihre Bedeutung für die Entwicklung der Geschichte.

Gleichwohl gelingt es Brizé, trotz aller Verhaltenheit, mit der sich die Figuren entwickeln und äußern, eine subtile Spannung zu erzeugen. Erstaunlich ist, dass sich eine so zarte Liebesgeschichte so kitschfrei, so unpathetisch erzählen lässt.

Beredt, aber wortkarg: Eine anrührende Liebesgeschichte aus der Provence. Kinos am Raschplatz.