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Kultur „Männer, die auf Ziegen starren“ startet Donnerstag
Nachrichten Kultur „Männer, die auf Ziegen starren“ startet Donnerstag
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19:55 03.03.2010
Von Stefan Stosch
George Clooney starrt auf eine Ziege.
George Clooney starrt auf eine Ziege. Quelle: Kinowelt
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Schon mal gesehen, wie ein US-Soldat im Stile von Harry Potter durch eine Zimmerwand läuft? Oder sich mittels Gedankenkraft unsichtbar macht? Oder wie er allein durch Augenkontakt einen Gegner entwaffnet? Nein? Wir auch nicht. Aber all das wäre in der US-Kriegssatire „Männer, die auf Ziegen starren“ zu beobachten, wenn diese Psychotricks denn funktionieren würden.

Das tun sie aber nur sehr bedingt in Grant Heslovs Film, und deshalb geraten hier immer wieder hochkonzentriert dreinblickende Soldaten an die natürlichen Grenzen ihrer übernatürlichen Fähigkeiten. Entmutigen lassen sie sich aber nicht, egal wie sehr ihnen der Kopf zum Beispiel wegen des Zusammenpralls mit der Wand dröhnt. Bei nächster Gelegenheit scheitern sie wieder grandios – und genau daraus resultiert, zumindest in der ersten Filmhälfte, eine umwerfende Komik.

Im Zentrum der Eliteeinheit steht ein gewisser Lyn Cassady, gespielt von George Clooney. Zeitweilig trägt der Mann eine Hippie-Matte auf dem Kopf, die ihm jederzeit eine Rolle im Anti-Vietnamkriegs-Musical „Hair“ garantiert hätte. Cassady gilt als größtes Talent unter den Psychosoldaten, wirkt jedoch zugleich wie ein Zwangscharakter. Einer Ziege macht er schon mal im direkten Blickduell den Garaus. Allerdings hat er erhebliche Schwierigkeiten beim Autofahren, wenn er auf eine Landmine gerät oder einen Felsen auf der Straße übersieht, weil er sich gerade in der Disziplin „Funkelnde Augen“ versucht.

Angeblich hat es eine ähnlich schräge Geheimtruppe in der US-Armee tatsächlich gegeben. Jedenfalls behauptet das der britische Sachbuchautor Ron Jonson in seinem gleichnamigen Werk, in dem auch Löffelverbieger Uri Geller eine Rolle spielt (auf Deutsch soeben für 7,95 Euro im Heyne-Verlag erschienen). Doch auf die historische Überprüfbarkeit kommt es gar nicht an: Dass das erste Opfer in Kriegen die Wahrheit ist, haben wir ja vor gar nicht langer Zeit im Fall der angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak erlebt.

Da ist es doch viel menschenfreundlicher, eine Truppe antreten zu lassen, die sich in alternativer Kriegsführung erprobt. Die Soldaten üben sich in ausgelassenen Tänzen, spazieren über glühende Kohlen (und verbrennen sich dabei gehörig die Fußsohlen), sie erweitern ihr Bewusstsein durch Darmspiegelungen oder auch durch den Konsum von LSD. Jedenfalls pfeifen sie auf soldatische Tugenden und erinnern dabei verdächtig an die Chaotentruppe aus Robert Altmans „M.A.S.H“. Allerdings verfügen Cassady und Co. über einen ausgeprägten Ehrenkodex: Sie verstehen sich als „Jedi-Ritter“ oder auch als „Kampfmönche“. Nur Kevin Spacey gibt den Fiesling und Spielverderber.

So herrlich skurril sich der Film auch anlässt, die Handlung ist vergleichsweise dünn: Zeitlich bewegen wir uns im aktuellen Irak-Krieg. Der erfolglose Journalist Bob Wilton (Ewan McGregor) hofft auf die Story seines Lebens, als er auf den Ober-Jedi Cassady trifft und ihm auf eine Odyssee durch die (irakische) Wüste folgt. Das ist ja schon seit biblischen Zeiten der beste Platz zur Selbsterkenntnis.

In eingeschobenen Rückblenden erleben wir die Gründung der Spezialeinheit. Bereits im Vietnam-Krieg kommt dem pazifistisch veranlagten Soldaten Bill Django (Jeff Bridges, gerade im Kino als saufender Countrymusiker, siehe unsere Kritik von „Crazy Heart“) die Idee, den Gegner nicht unbedingt gleich mit Maschinengewehrsalven niederzumähen. Er will sie mit sanfteren Mitteln überzeugen.

Django entwickelt sich im Kalten Krieg zum New-Age-Schamanen, erkennbar an seinem prächtigen Haarzopf, der unter US-Soldaten sonst unüblich sein dürfte. Die Armeeführung lässt sich davon nicht stören. Sie macht beim Wettrüsten jeden Wahnsinn mit, solange nur die Chance besteht, die Sowjets zu übertrumpfen. Die Grenze zwischen paranormal und paranoid ist fließend.

Regisseur Heslov, der bereits für Clooneys Film „Good Night and Good Luck“ das Drehbuch schrieb, hat einen erfrischend anderen Irak-Kriegsfilm inszeniert. Bewusstseinserweiternd ist sein Schelmenstück nebenbei auch – oder zumindest verhilft es dem Zuschauer zu seltsamen Déjà-vu-Erlebnissen, wenn hier Ewan McGregor schon wieder die Lebensläufe anderer abfragt wie gerade in „Der Ghostwriter“ oder wenn George Clooney einen schwarzen Trolley präsentiert, der geradewegs aus seiner aktuellen Vielflieger-Komödie „Up in the Air“ zu stammen scheint.

Hokuspokus in der US-Armee:
 Herrlich absurd.
 Oder etwa wahr?


Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar

03.03.2010
Rainer Wagner 02.03.2010