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Kultur Ein Kommissar belügt sich selbst
Nachrichten Kultur Ein Kommissar belügt sich selbst
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22:28 02.03.2015
Foto: Am 4. März liest der Krimi-Autor Volker Kutscher in der Buchhandlung Decius aus seinem neuen Krimi.
Am 4. März liest der Krimi-Autor Volker Kutscher in der Buchhandlung Decius aus seinem neuen Krimi.  Quelle: dpa (Archiv)
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Kommissar Gereon Rath fühlt sich nicht wohl in der neuen Zeit. Im Frühjahr 1933 ist auch im Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz zu spüren, dass es nicht nur einen neuen Reichskanzler gibt, sondern dass es mit der deutschen Demokratie zu Ende geht. Rath schwankt. Er mag zwar keine Nazis, doch die SA als Hilfspolizei hat auch ihr Gutes, sie nimmt ihm die Drecksarbeit ab. Mit den Kommunisten musste eh mal jemand aufräumen, denkt er, und Jude ist Rath nicht, sondern rheinischer Katholik. Dass Konrad Adenauer, der gute Freund von Raths Vater, als Kölner Oberbürgermeister verjagt wurde, schmerzt ihn fast noch am meisten.

„Märzgefallene“ ist der fünfte Roman des 51-Jährigen. Der erste Fall, „Der nasse Fisch“, spielte im Jahr 1929. Kutscher arbeitet sich seitdem Jahr für Jahr durch Sex und Crime der Reichshauptstadt. Er hat eine äußerst erfolgreiche Nische besetzt: genau recherchierte Geschichten aus Babylon Berlin, einer Stadt in permanenter Überhitzung. Arbeitslosenelend neben High Society, Jazz und Koks, Straßenkämpfe und Bandenkriege. Kutscher lässt die legendären kriminellen Ringvereine wie die Nordpiraten wieder aufleben und schafft mit Johann Marlow einen hervorragend vernetzten Gangsterboss. Solch eine Figur hat es bisher nur im US-Krimi gegeben. Regisseur Tom Tykwer bringt die Rath-Romane demnächst ins Fernsehen: ARD und Sky wollen mit „Babylon Berlin“ eine Serie auf US-Niveau schaffen. An der zwiespältigen Figur Rath wird es nicht scheitern, er ist mindestens so genialisch-kaputt wie Jimmy McNulty aus „The Wire“.

Temporeich treibt Kutscher seinen Kommissar durch das Berlin der ersten Monate des NS-Regimes. Der Reichstag brennt, die SA wütet, auch die Polizei bleibt nicht verschont: Raths ungeliebter Vorgesetzter Wilhelm Böhm legt sich mit den neuen Machthabern an und wird geschasst. Raths Freundin Charlotte hat gerade in der Weiblichen Kriminalpolizei angefangen, hält es in der stramm braunen Frauenriege aber nicht lange aus und quittiert den Dienst. Ihre Hochzeit mit Rath steht vor der Tür, und auf ungewöhnlichen Wegen wächst ihre Familie. Rath ermittelt in einer Mordserie, der nach und nach immer mehr Weltkriegsveteranen zum Opfer fallen. Sie hatten 1917 an der Aktion Alberich teilgenommen. Auf dem Rückzug aus Frankreich hinterließen sie verbrannte Erde. Ließen sie auch Gold verschwinden? Und welche Rolle spielt ihr früherer Leutnant Achim von Roddeck, der gerade seine Kriegserinnerungen publiziert hat und von den Nazis hofiert wird?

Volker Kutscher kann sein überbordendes Faktenwissen in leichte und lebendige Schilderungen des Berliner Alltags einfließen lassen. Was in den ersten vier Bänden grandios gelang, wirkt in dem neuen Roman stellenweise jedoch etwas hölzern.

Jan Sternberg

Lesungstipp

Volker Kutscher: „Märzgefallene“. Kiepenheuer & Witsch. 608 Seiten, 19,99 Euro. Am 4. März, 20 Uhr, liest der Autor in der hannoverschen Buchhandlung Decius.

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