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Kultur Es ist nur Schmerz
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00:18 21.10.2014
Von Uwe Janssen
Foto: Erst machte ihr lange der Rücken zu schaffen, dann hat sie sich die Hüfte gebrochen. Aber sie singt: Marianne Faithfull.
Erst machte ihr lange der Rücken zu schaffen, dann hat sie sich die Hüfte gebrochen. Aber sie singt: Marianne Faithfull. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Ein letzter Kraftakt nach 90 Minuten: Als sich Marianne Faithfull um kurz nach halb zehn an ihrer Stehhilfe ganz langsam aus der sitzenden Position in den Stand stemmt, um die Bühne zu verlassen, sitzt im Theater längst schon niemand mehr. Die Zuschauer sind aufgestanden, um ihr zu applaudieren, mehr noch, ihr zuzujubeln. Es sind nur ein paar Meter, doch für die 67-Jährige ist es eine lange Strecke. Die Hüfte hat sie sich gebrochen kürzlich, sie wollte eigentlich schon viel weiter sein. So wird ihr Auszug, Schritt für Schritt, begleitet von ihrer Band, zum Triumphzug. Als sie kurz vor dem Seitenvorhang noch einmal stehen bleibt und lächelnd winkt, brandet lauter Jubel auf.

Marianne Faithfull im Theater am Aegi

Die Fans im fast ausverkauften Theater am Aegi danken für einen nostalgischen musikalischen Abend und dafür, dass sie sich durchgebissen hat. „Schmerz macht müde“, hat sie zuvor gesagt, in einer Mischung aus Nachdenklichkeit und Trotz, „aber er kann die Songs nicht verderben oder den Abend oder die Liebe. Es ist nur Schmerz.“

Erst hatte ihr lange der Rücken zu schaffen gemacht, dann das Malheur mit der Hüfte. Aber sie singt. Entweder im Stehen, den Goldknauf eines Geh- oder mehr Stehstocks umklammert, oder sitzend in einem verschnörkelten Stuhl, der einer Geschichtenerzählerin würdig ist. Daneben ein Tisch mit Tischdecke und Wasserglas. Wohl kaum jemand hier hat schon ein solches Rockkonzert gesehen, aber es ist eins. Eigentlich steckt in diesem Bild mehr Rock ‘n’ Roll als in allen Posen aller jungen Rampensäue zusammen. Denn auf der Suche nach den wahren Helden des real gelebten Rock landet man irgendwann bei dieser Frau: Sex & Drugs & Rolling Stones. Alle Höhen, alle Tiefen. Schon in den Sechzigern. Jetzt ist sie da, und das Schöne: Sie kann davon erzählen.

Und singen. Nicht mehr so durchdringend wie vor 30 Jahren, aber immer noch mit dieser kratzigen, Worte zermahlenden Stimme, die auch Geschichten erzählt, wenn man die Worte nicht versteht. Geschichten über Lucy Jordan und „Mother Wolf“ und die eigene wilde Vergangenheit. Bei der Geschichte über „Sister Morphine“ und „Cousin Cocaine“ sind dann irgendwie auch die Stones im Saal, mit denen sie den Song Ende der Sechziger geschrieben hat. Bei „Broken English“ wird leise mitgesungen im Publikum.

Sogar ein neues Album hat sie: „Give my Love to Londen“ heißt es, ein paar Songs stellt sie vor. Vier Männer um sie herum sorgen für ordentlich Dampf. Es ist auch musikalisch wirklich ein Rockkonzert. Und es ist schade, aber verzeihlich, dass in den lauten Songs wie dem neuen „The Price of Love“ ihre Stimme im Parkett ein wenig untergeht und im Rang kaum noch zu hören ist. Immer wenn es leiser wird um sie herum, und auch das kann diese Band hervorragend, wird es spannend. Man ist ganz bei ihr.

Zwischen den Songs sowieso. Sie erzählt, was ihr gerade durch den Kopf geht. Dass sie am Vortag während der Show dringend aufs Klo musste, dass sie mit dem Rauchen aufgehört hat und dass sie immer noch so wenig Selbstbewusstsein hat. „Es ist ein bisschen besser geworden, aber wenn ich bemerke, dass jemand im Konzert rausgeht“, sagt sie, „denke ich, er mag meine Musik nicht.“ Ein Gast, der tatsächlich kurz seinen Platz verlässt, wird deshalb persönlich von Faithfull begrüßt, als er wiederkommt. Man bekommt als Zuschauer das Gefühl, von einer Protagonistin des Showgeschäfts hinter die Kulissen geführt zu werden. Als ob die Zeit einfach reif wäre, die Türen zu öffnen, alles zu erzählen und nichts mehr zu verbergen. Es ist ein beruhigendes, eigentlich sogar ein berührendes Gefühl.

Auch wenn sie im krassen Gegensatz dazu die Songs erklärt und eine bemerkenswerte Liste von Kollaborateuren nennt – Roger Waters, Nick Cave, Daniel Lanois oder die Everly Brothers –, dann wirkt das nicht wie Koketterie. Sondern wie Dankbarkeit, dass diese Leute mit ihr arbeiten. Als Zugabe kündigt sie den „Last Song“ an, geschrieben von ihr und Damon Albarn. Er verrutscht ihr gesanglich, aber das ist völlig egal. Sie bringt ihn über die Rampe. Sie gibt an diesem Abend, was sie hat. Und die Menschen im Aegi bereiten einem würdigen Auftritt ein würdiges Ende.     

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