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Kultur Mark Knopfler ist der Freibeuter der Straße
Nachrichten Kultur Mark Knopfler ist der Freibeuter der Straße
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20:16 30.08.2012
Von Uwe Janssen
Altes Bier, neue Lieder: Mark Knopfler liefert auf „Privateering“ gleich 20 neue Songs ab. Quelle: Universal
Hannover

Wenn man im Internet nach Mark Knopfler sucht, stößt man immer wieder auf Mark Knopfler, aber ebenso häufig auf junge Männer, die sich dabei filmen, wie sie wie Mark Knopfler Gitarre spielen. Die Kamera steht oft ein bisschen schief, man sieht die jungen Musiker, wie sie die Aufnahme starten und stoppen. Einige klingen grauenhaft, andere großartig. Viele erklären, was sie genau tun, bevor sie loslegen. Wie sie mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger die Saiten zupfen, während Ring- und kleiner Finger unter den Saiten auf dem Schlagbrett ruhen. Genau so, wie der Meister es eben macht.

Die meisten sagen „Mark“, wenn sie über ihn sprechen, klar, sie arbeiten ja auch quasi für ihn. Als Verbreiter, Pfleger und Bewahrer seiner besonderen Spielweise, die ganz ohne Plektrum auskommt. Und sie pflegen seinen Ruf, ein Gott zu sein. Ein Gitarrengott. Da ist er in guter Gesellschaft. Die Branche ist mit Superlativen nicht zimperlich, und monotheistisch ist sie schon gar nicht. Knopfler ist im Gitarrenolymp nicht der schnellste. Sondern eher derjenige, der am brillantesten Töne weglässt.

Wer sich überzeugen will, kann von Freitag an in den Plattenladen gehen und „Privateering“ kaufen, das neue Werk des Briten. Wer es sich im Internet als mp3-Download kauft, dem sei gesagt: Es ist ein Doppelalbum mit satten 20 Songs. Aber man sollte das Hören von Mark-Knopfler-Alben auf mp3-Playern ohnehin verbieten. Denn komprimiert zu werden, haben Knopfler-Songs nicht verdient. Es passt auch gar nicht.

Denn „Privateering“ will nicht auf die Schnelle, im Gehen oder sonstwie nebenbei konsumiert werden. Es geht vielmehr um etwas ganz Altmodisches: Zuhören. Zeit nehmen. Anderthalb Stunden mit Geschichtenonkel Mark. Weniger sollte es nicht sein. Der Drang, Songs zu schreiben, werde mit zunehmendem Alter immer größer, sagt der 63-Jährige. Er frage sich manchmal selbst, ob er befürchte, dass ihm die Zeit davon laufe, „aber ich habe so viele Songideen herumfliegen, dass man aufpassen muss, wo man hintritt“. Was seine weltweite Fangemeinde aufmerksam zur Kenntnis nehmen wird.

Knopfler erzählt von Schäfern, von Zockern, vom verregneten „Seattle“, vom einsamen König in seinem „Kingdom of Gold“ und im „Dream of the drowned Submariner“ von der Vergänglichkeit. In einem siebenminütigen Epos besingt er die Freibeuter, die „Privateers“, die dem Album nicht zufällig den Namen gaben. Schließlich sieht er eine direkte Linie zu seiner Profession: Er liebe es, mit einer Gruppe von Leuten aufzubrechen und um den Globus zu reisen, sagt er. „Staatliche Zuschüsse gibt’s nicht, wenn du diese Art von Musik machst, also bist du auf dich allein gestellt, und so mag ich’s auch.“ Dass auf dem Albumcover ein grandios abgerockter Tourbus zu sehen ist, passt dazu. „Früher durfte man sofort in einer Band mitmachen, wenn man so einen Bus hatte.“

Geschichten hat er immer schon erzählt. Bei den Dire Straits hat er sie in Rockmusik verpackt und die Songs musikalisch mit den glockenklaren Läufen aus seiner Stratocaster geprägt. Als Solokünstler hat er nach und nach den immer mehr ins Bombastisch-Pathetische driftenden Stadionsound seiner Band abgestreift. Teil dieses Abnabelungsprozesses war die Kollaboration mit anderen Musikern und anderen Stilen. Man merkte, der Mann will weiter, der ist noch nicht fertig mit seiner musikalisch n Entwicklung.

Und so hörte man Knopfler plötzlich mit Fingerpicking-Legende Chet Atkins im Schaukelstuhl Countrymusik machen, später auch mit Sängerin Emmylou Harris. Vor ein paar Jahren sammelte er dann in Großbritannien die besten Folkmusiker zusammen und experimentierte in diese Richtung. Mit Bob Dylan, dem großen Helden seiner Jugend, der seinen Gesangs- und Komponierstil prägte wie kein anderer, ging Knopfler 2011 gemeinsam auf Tournee.

„Privateering“ ist gewissermaßen das Ergebnis all dieser musikalischen Beutezüge. Drei Jahre nach „Get Lucky“ hat sich der 63-Jährige ein Dutzend seiner erstklassigen Musikerfreunde in sein eigenes Studio im Londoner Stadtteil Chiswick eingeladen. Auf manchen Aufnahmen scheint man den Raum zu hören, so als hätten alle auf Stühlen im Kreis gesessen, musiziert und einfach ein Mikro in die Mitte gehalten. Gerade bei den Blues-Songs, von denen Knopfler, mal ruppig, mal nur als Akkordgerüst, einige auf das Album genommen hat. Wie einer, der versucht, all das zu verstehen, was die Gitarrenspieler der Welt an Spielkulturen hervorgebracht haben, und diese Erfahrungen mit allem Respekt in sein eigenes Schaffen zu integrieren. Da wird der Gott zum Lernenden, und das Spektakel auf den sechs Saiten zu einer fast kontemplativen Angelegenheit, bei der Knopflers Gitarre nur ein Instrument von vielen ist.

Gleichwohl verrät so manches Riff und so manches Solo eindeutig seinen Spieler. Der Stratocaster-Sound ist allerdings nur noch selten zu hören. Und wie es geht, was der Mark spielt, werden die Knopfler-Jünger schon bald auf „Youtube“ erklären.

In diesem Herbst geht Knopfler wieder mit Bob Dylan auf Tour, allerdings nur in Nordamerika. Europatermine ohne Dylan gibt es schon für 2013, allerdings noch keine in Deutschland.

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