Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Marko Martin schreibt über Israels Intellektuelle
Nachrichten Kultur Marko Martin schreibt über Israels Intellektuelle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:56 20.03.2013
Tel Aviv – nur ein Traum? Wettermäßig allemal: Dieses Bild stammt vom 15. März 2013.
Tel Aviv – nur ein Traum? Wettermäßig allemal: Dieses Bild stammt vom 15. März 2013. Quelle: Nir Elias
Anzeige
Hannover

Das Gesicht in der Sonne, bevor sie ins Meer plumpst, im Rücken die Rhythmen der Trommler vor der Ruine der Dolphin-Diskothek: So lässt es sich leben in Israel, sagt der deutsche Gast zu einem, der genauso entspannt wie er am Strand lagert. Tel Aviv sei nicht so stressig wie Jerusalem, die Stadt des ewigen Streits um Religionen, Nationen, Grenzen. „Tja, aber Jerusalem ist die Wirklichkeit“, gibt der Israeli zurück. „Tel Aviv - das ist nur ein Traum.“

Aber was für einer! Einen Eindruck von der Aura dieser multikulturellen, flirrenden Weltstadt vermittelt Marko Martin in seinem neuen Buch, das mit Reportagen und Personenporträts von oft essayistischer Qualität Einblicke in Israels literarische und intellektuelle Szene bietet. Der Titel „Kosmos Tel Aviv“ kann in die Irre führen - und ist doch treffend. Denn Marko Martin führt seine Leser zwar auch aus der Metropole heraus, in den Negev oder nach Jerusalem. Aber er bleibt dabei dem Horizont Tel Avivs verhaftet. Und der ist zwar weit, aber nicht grenzenlos.

Der Autor verschafft seinen Lesern Zugang zu Schriftstellern wie der wegen ihrer Krimis populären Batya Gur oder der friedensbewegten Mira Magen. Er unterhält sich mit Elazar Benyoëtz, dem in Österreich als Paul Koppel geborenen Romancier, über die untergegangene Welt des Judentums im Wiener k.-u.-k.-Reich. Er spricht mit Manfred Winkler, dem Schriftsteller und Übersetzer Paul Celans, über jüdische Spuren in der Bukowina. Ja, er besucht sogar die hochbetagte letzte Geliebte des Dichters der Todesfuge. Aber er trifft auch junge Autoren wie Etgar Keret, Ron Leshem oder Michal Zamir.

„Kosmos Tel Aviv“, erschienen im hannoverschen Wehrhahn Verlag, schlägt damit Brücken zur Vergangenheit des Judentums in Europa, aber auch zu Leuten, die Zukunftsfragen stellen. Michal Zamir rechnet in ihren Romanen mit ihrer Armeezeit ab, beklagt den Irrweg der Besatzung. Keret schafft mit seinem palästinensischen Schriftstellerkollegen Samir El-Youssef einen literarischen Brückenschlag nach Gaza. Und Leshem, der die Vorlage für den preisgekrönten Film „Beaufort“ geschrieben hat, weiß um innerisraelische Kluften und lehnt deshalb ironisch-polemisch sogar die Zwei-Staaten-Lösung ab. „Weshalb nur zwei Staaten? Drei! Einen für die Palästinenser, einen für die Siedler und Ultraorthodoxen, den dritten aber für Leute wie uns!“ Den Blick gen Westen, den Nahostkonflikt im Rücken und doch nie aus dem Kopf - so leben viele Israelis in der „Seifenblase“ Tel Aviv. Die schillert zwar in allen Regenbogenfarben, bietet aber keinen Schutz, ist selbst höchst fragil. Als im November 2012 die ersten Gaza-Raketen in der Stadt einschlugen, lautete eine Schlagzeile: „Die Blase um Tel Aviv ist geplatzt.“

Genau dieses Lebensgefühl schildert Marko Martin in seinem Buch. Schade nur, dass Ultraorthodoxe, Nationalisten und Siedler nicht in diesem Band zu Wort kommen - allerdings leben die auch kaum in Tel Aviv. Begegnungen mit denen, die soeben wieder Benjamin Netanjahu als Ministerpräsident an die Macht gebracht haben, erspart Marko Martin so seinen Lesern.

„Kosmos Tel Aviv“ ist absolut lesenswert. Deshalb ist dem Buch unbedingt eine zweite Auflage zu wünschen. Allerdings auch, um darin eine Reihe von Fehlern beseitigt zu sehen - und vielleicht auch noch ein Glossar anzufügen, das Israel-Neulingen ein paar Breschen durchs Dickicht von Namen und Konflikten schlägt.

Marko Martin: „Kosmos Tel Aviv. Streifzüge durch die israelische Literatur und Lebenswelt“. Wehrhahn Verlag. 224 Seiten, 19,80 Euro.

Uwe Janssen 19.03.2013
19.03.2013