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Kultur Martin Laberenz inszeniert "Der Entertainer"
Nachrichten Kultur Martin Laberenz inszeniert "Der Entertainer"
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00:15 25.10.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Show muss zu Ende gehen: Henning Hartmann als Entertainer.
Die Show muss zu Ende gehen: Henning Hartmann als Entertainer.  Quelle: Ribbe
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Hannover

Künste sterben. Was heute noch jeder gesehen haben muss, kann morgen schon von gestern sein. Vom Niedergang eines besonderen Showformats erzählt John Osborne in seinem Stück „Der Entertainer“ aus dem Jahr 1957. Die Music Halls waren in England eine Zeit lang höchst populär, doch plötzlich fingen die Leute an, sich Fernsehgeräte in die Wohnzimmer zu stellen. Warum sollten sie die Music Hall noch besuchen, wenn die Music Hall jetzt bei ihnen zu Hause war? Die Sänger, Tänzer, Entertainer verloren ihr Publikum.

Osbornes tragische, bittere Geschichte vom Schicksal des Entertainers Archie Rice und seiner Familie ist ein Stück über Medienwandel und damit zugleich ein Stück übers Theater. Es fragt auch, was aus dem Schauspiel wird. Leute stehen auf einer Bühne und machen anderen Leuten, die in Sesseln sitzen, etwas vor. Hat das Zukunft? Eher nicht, scheint sich Regisseur Martin Laberenz gedacht zu haben - und versucht, in seiner Inszenierung einfühlendes Rollenspiel so gut es geht zu vermeiden.

Stattdessen gibt es viel britischen Punk (Leitung der dreiköpfigen Band: Leo Schmidthals), eine ganze Menge ziemlich ekliger Witze (in bester Bad-Actor-Haltung vorgetragen vom Entertainer-Darsteller Henning Hartmann), viele Zuspitzungen (wie eine recht heftige Inzestszene), die Präsentation origineller Kostüme (von Aino Laberenz) und viel, viel, viel Rauch.
Fortwährend zündet sich jemand eine Zigarette an (gibt es da eigentlich eine Gefahrenzulage für die Darsteller?), fortwährend werden die Gläser gefüllt und ausgetrunken. Oft wirkt das Stück gar nicht wie ein Schauspiel, sondern wie eine Installation - finanziert von der Suchtberatung.

Sie feiern die Leere

Aber: Das hat auch was. Regisseur Laberenz kostet quälende Momente genüsslich aus. Und mit Henning Hartmann in der Titelrolle, mit Hagen Oechel als bellendem Großvater, Sebastian Weiss als wütendem Sohn Frank, Hannah Müller als tieftrauriger Tochter Jean und Katja Gaudard als Ehefrau Phoebe hat er Schauspieler auf der Bühne, die so etwas lange durchhalten können. Oft feiert das Ensemble die Leere. Dann stehen die Darsteller nur auf der Bühne herum, drehen die Gläser in ihren Händen und schweigen. Und wenn sie wieder sprechen, klingt das, was sie sagen, nach Textaufsagerei. Drei Stunden dauert die Inszenierung. Das ist lang. Und das fühlt sich auch lang an. Aber genau darum geht es ja: Es ist quälend, wenn etwas so zu Ende geht. Man muss es aushalten.

Kasper in der Kiste

Eine Schlüsselszene der Inszenierung ist das aufgeregte Solo, das der hervorragende Henning Hartmann spielt, als dem Entertainer die Möglichkeit eröffnet wird, nach Kanada auszuwandern und dort als Hotelmanager zu arbeiten. Der Künstler hätte dann vielleicht materielle Sicherheit gewonnen, aber alles andere verloren. Hartmann spielt das Verzweifeln in einer Vertiefung hinter der Rampe. Immer wieder verschwindet er nach unten, dann springt er in die Höhe, kippt nach rechts, kippt nach links - er wirkt wie eine zu groß geratene Kasperfigur.
Möglicherweise deutet sich hier eine Nachfolge dieser Art von Theater an.
Weitere Vorstellungen: 27. Oktober, 10., 23. und 30. November.

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