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Kultur Martin Scorsese ist der Intelligenteste im Raum
Nachrichten Kultur Martin Scorsese ist der Intelligenteste im Raum
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14:03 23.02.2010
Von Stefan Stosch
Martin Scorsese stellte auf der Berlinale seinen neuen Film "Shutter Island" vor. Quelle: AP, DPA
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Der Tipp kam einer Warnung gleich: Wer mit Martin Scorsese spreche, solle sich die erste Frage genau überlegen. Gut möglich, dass die erste auch die letzte sei. Der Regisseur neige dazu, sich in seinem Redefluss nicht mehr unterbrechen zu lassen.

Wie könnte diese eine Frage an einen der wichtigsten Regisseure unserer Zeit lauten? Soll man nach seiner Beziehung zu Leonardo DiCaprio fragen, mit dem Scorsese nun schon vier Filme – „Gangs of New York“ (2002), „Aviator“ (2004), „Departed – Unter Feinden“ (2006) und ganz aktuell die Irrenhausgeschichte „Shutter Island“ – gedreht hat? Nicht nötig: Dass DiCaprio sein Sohn im Geiste ist, so wie früher Robert De Niro sein Bruder im Geiste war, ist offensichtlich. De Niro hatte ihm den inzwischen merklich gereiften 
DiCaprio empfohlen, als der noch das Jüngelchen auf dem Unterdeck der „Titanic“ war.

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Vielleicht sollte man fragen, welches der wichtigste Film in Scorseses Karriere war? Erst bei „Departed“ hat ihn endlich die Hollywood-Academy umarmt und ihm den längst verdienten Oscar gewährt. Zuvor waren Werke, die heute als Klassiker der Kinogeschichte gelten, unberücksichtigt geblieben, etwa „Taxi Driver“ (1976) oder „Wie ein wilder Stier“ (1980). Wozu braucht ein Solitär wie Scorsese überhaupt eine Academy?

Während man noch grübelt, betritt ein kleiner, großer Mann das Hotelzimmer – wie immer im dunkelblauen Jackett, mit unauffällig blauer Krawatte und der berühmten Hornbrille, die wie festgewachsen über der Habichtnase sitzt. Und plötzlich ist es gar nicht mehr so wichtig, was man fragt. Dieser Mann, 67 Jahre alt, strahlt vom ersten Moment an Begeisterung fürs Kino aus – und das sogar bei einer Berlinale, wo Interviews in Minutenabständen getaktet sind.

Also los: Mr. Scorsese, macht Ihnen das Regieführen immer noch Spaß? „Nein, hat es nie gemacht“, sagt er. Und dann folgt ein explodierendes Lachen, das noch ein paar Mal in den nächsten 20 Minuten zu hören sein wird. „Was ich immer schon gehasst habe, ist der Zeitdruck bei den Dreharbeiten. Du hast die Regen- und Windmaschine angeschmissen, die Meteorologen haben dir schlechtes Wetter versprochen – und dann scheint die Sonne, die du bei einem Horrorfilm wie diesem überhaupt nicht brauchen kannst. Und du weißt genau, dass zwei deiner Schauspieler bald zum nächsten Filmdreh aufbrechen müssen. Da kann man nervös werden.“

Nervös – nach all den Jahrzehnten im Regiestuhl? Sein Kinodebüt „Who’s that knocking at my door?“, eine Beziehungsgeschichte inklusive katholische Schuldgefühle, hat Scorsese 1967 vorgelegt. Damals riskierte er tatsächlich seinen finanziellen Ruin, aber das ist verdammt lange her. „Na ja, wissen Sie, man hat Verantwortung fürs Geld, beim Filmemachen geht es immer um viel Geld. Und meine Filme sind eher teuer als billig. Ich war zwar bei ,Shutter Island‘ immer in meinem persönlichen Zeitplan – aber nicht unbedingt in dem des Studios.“ Und schon folgt wieder eine dieser Lachsalven.

Warum hat er sich überhaupt den Trivialstoff „Shutter Island“ vorgenommen, in dem DiCaprio als FBI-Agent Teddy nach einer Kindsmörderin forscht, die spurlos aus einem Gefängnis für kriminelle Geisteskranke verschwunden ist? „Je älter man wird, desto mehr möchte man ausprobieren“, sagt Scorsese. „Und in diesem Film fließt so vieles zusammen – Grusel, Gothic Horror, Gefängnisthriller, Kalte-Kriegs-Paranoia.“ Der deutsche Expressionismus, der Film Noir, Hitchcocks „Vertigo“ – all dies hätte ihn inspiriert. Ziel sei gewesen, das Publikum von Anfang an zu verunsichern – ohne dass es so recht begreife, warum.

Da muss man den Meister doch mal unterbrechen: Könne er sich vorstellen, auch mal 3-D auszuprobieren, das seit „Avatar“ als neue Wunderwaffe gegen Zuschauerschwund gilt? Aus dem Stegreif malt Scorsese Szenen aus, wie der FBI-Agent Teddy in die Gefängniskatakomben hinabsteigt und dabei brennende Streichhölzer wie Waffen entzündet, die dem Zuschauer förmlich das Gesicht versengen. Um gleich hinzuzufügen, dass das ganze Drehbuch dann anders hätte aussehen müssen. „Es darf nicht nur um ein paar Spezialeffekte gehen.“

Und nun taucht Scorsese tief hinab in die Kinogeschichte zu den französischen Lumière-Brüdern und zum Festival von Cannes, das gerade deren 3-D-Ideen rekonstruiere. Er macht einen kleinen Schlenker zu den Anstrengungen des Kinos, das menschliche Auge zu imitieren, zur Rolle der Musik als Strukturelement und irgendwie auch zur geschätzten Kollegin Kathryn Bigelow, deren Irak-Film „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ als ein Favorit im aktuellen Oscar-Rennen gilt.

Zu allem weiß Scorsese etwas beizusteuern. In diesem Moment kann man verstehen, was Ben Kingsley, als undurchschaubarer Gefängnisleiter in „Shutter Island“ dabei, über Scorsese gesagt hat: „Martin Scorsese ist immer der Intelligenteste im Raum. Aber er behandelt andere so, als wären sie genauso intelligent wie er.“

Was ja nicht heißt, dass man mit Scorseses Filmen stets einverstanden sein muss: Was sollen in „Shutter Island“ zum Beispiel die albtraumhaften Rückblenden in den Zweiten Weltkrieg und ins KZ Dachau, bei dessen Befreiung Teddy dabei ist und mit anderen US-Soldaten deutsches Wachpersonal niederschießt? „Das steht so in der Romanvorlage von Dennis Lehane“, sagt Scorsese. Es gehe auch darum, inwieweit Gewalt zur Natur des Menschen gehöre.

Das ist nun wirklich ein weites Feld, nur leider fehlt die Zeit für weitere Fragen. Die Pressedame hat schon das Zeichen zum Interviewende gegeben. Nur einer ist nicht ganz punktgenau zu stoppen: Martin Scorsese. Zu sehr ist dieser Mann erfüllt von seiner Leidenschaft fürs Kino.

Shutter Island“ startet am Donnerstag im Kino.