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Kultur Martin Suter: "Allmen und die Libellen"
Nachrichten Kultur Martin Suter: "Allmen und die Libellen"
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13:31 03.01.2011
Von Heinrich Thies
Martin Suter: „Allmen und die Libellen“. Diogenes, 196 Seiten, 18,90 Euro. Quelle: HAZ-Bild

Die kriminelle Karriere entspricht dem vornehmen Lebensstil: Der Herr konzentriert sich darauf, wertvolle Antiquitäten zu stehlen, was ebenso gewinnbringend wie gefährlich ist.

Bei dem halbseidenen Dandy handelt es sich um Johann Friedrich von Allmen, den neuen Helden Martin Suters. Mit dem Lebemann als Leitfigur hat sich der Schweizer Erfolgsautor, dessen Romanverfilmung „Small World“ gerade in den Kinos anläuft, in das Genre des Serienkrimis gewagt. Beim Erscheinen des Auftaktkrimis „Allmen und die Libellen“ wirbt der Diogenes-Verlag bereits mit großem PR-Aufwand für weitere Folgen.

Ob Allmen aber wirklich zum Serienhelden taugt, muss sich noch zeigen. Ein klassischer Krimi ist dieser Roman jedenfalls nicht, eher so etwas wie eine Gaunerkomödie. Wie in früheren Werken entführt Suter seine Leser in die Welt der Superreichen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als Allmen von einer sexhungrigen Dame nach einem alkoholseligen Opernabend in die Seevilla ihres Vaters abgeschleppt wird und dort fünf sündhaft teure Jugendstilschalen mit Libellenmotiven entdeckt – Sammlerstücke, die der hochverschuldeten Liebhaber natürlich nicht einfach liegen lassen kann. Allmen ahnt jedoch nicht, in welche Turbulenzen ihn der Diebstahl stürzt. Bald schon ist ein Toter zu beklagen.

Das Besondere dieses Krimis liegt im ständigen Rollentausch zwischen Opfer und Täter. Der Bestohlene entpuppt sich als Obergauner. Hinter der eleganten Fassade der Geschäftswelt nistet das Verbrechen. Der Schein trügt fast immer. J. F. Allmen zum Beispiel tut alles, um seine Bonität unter Beweis zu stellen – indem er sich mit einem Cadillac durch die Gegend kutschieren lässt oder eine Villa bewohnt, die ihm schon lange nicht mehr gehört.

Wie mit dem tamilischen Asylbewerber in seinem Roman „Der Koch“ hat Suter auch hier einen Repräsentanten der Dritten Welt als Kontrastfigur in das Milieu der Schweizer Schickeria implantiert: , Carlos, ein Schuhputzer aus Guatemala, steht Allmen als Gärtner, Diener und lebenskluger Berater zur Seite. Eine der Eigentümlichkeiten dieses Faktotums liegt darin, dass er die Schuhe aus Gewohnheit grundsätzlich nur am Fuß putzt.

Suter, der ein Haus im Herkunftsland von Carlos besitzt, erzählt seine Geschichte in knapp umrissenen, pointierten Szenen in einer fein ziselierten Sprache, durchdrungen von augenzwinkernder Ironie – präzise und elegant. Süffisant spielt der Autor mit dem Slang der Businessclass. Besonders die wunderbar witzigen Momentaufnahmen machen die Lektüre zu einem Lesevergnügen. Brillant etwa beschreibt der Autor, wie sich die Blicke von Schuldner und Gläubiger durch das Glas eines Kaffeehausfensters begegnen.

Wer von einem Krimi aber vor allem Spannung und Nervenkitzel erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Dieser Roman nimmt seine Figuren selbst viel zu wenig ernst, um Gänsehaut zu erzeugen. Doch damit hebt Suter sich immerhin wohltuend von der Krimikonkurrenz ab, die mit immer mehr Blut und Grausamkeit über den Mangel an Raffinesse hinwegzutäuschen versucht. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob es dem Schweizer gelingt, mit den nächsten Folgen etwas wirklich Neues zu bieten. Allzu viele Variationen über das Hochstaplerthema könnten zu Ermüdungserscheinungen führen. Dass J. F. Allmen am Ende plant, Visitenkarten mit dem Arbeitsgebiet „International Inquiries“ (Internationale Ermittlungen) zu drucken, lässt zumindest alle Möglichkeiten offen.

Martin Suter: „Allmen und die Libellen“. Diogenes, 196 Seiten, 18,90 Euro.

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