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00:15 06.10.2013
Von Kristian Teetz
Der Romancier Martin Walser stellte am Dienstagabend seinen neuen Roman "Die Inszenierung vor". Quelle: Philipp von Ditfurth
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Laut kann er werden, wenn ihm etwas nicht passt, drastisch, polternd. Und Martin Walser hätte gute Gründe gehabt, am Dienstagabend schlecht gestimmt auf der Bühne des Kleinen Sendesaals zu sitzen. Sieben Stunden Bahnfahrt lagen hinter ihm, ein Zug war ausgefallen, mit den Platzreservierungen hatte es auch nicht funktioniert. „Ich bin schon leichter nach Hannover gekommen“, sagte der Schriftsteller, während er sein neues Werk „Die Inszenierung“ vorstellte. Doch von Poltern keine Spur: Die Zuschauer erlebten einen ausgesprochen aufgeräumten und heiteren Romancier.

Seine gute Laune gab er gleich mal an den Gastgeber, den NDR, weiter: „Der Kleine Sendesaal hier in Hannover ist mir sehr vertraut“, sagte Walser. Vor allem schwärmte er von der „hervorragenden Akustik“ des Raums. „Ich werde immer wieder zu Lesungen in Kirchen eingeladen.“ Die Akustik in Gotteshäusern eigne sich aber weniger für ihn und seine neuen Romane, sondern „nur für Texte, die schon bekannt sind“.

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Auch auf Marcel Reich-Ranicki, mit dem der Schriftsteller so manchen Streit ausfocht, kam Walser zu sprechen. Obwohl der Großschriftsteller in der „Zeit“ auch warme Worte für den kürzlich verstorbenen Großkritiker fand, merkte der Zuhörer am Dienstagabend einmal mehr, dass so manche Wunde nicht schließen will. Walser erinnerte sich an Reich-Ranickis Besprechung seines Romans „Jenseits der Liebe“. „Die Rezension war überschrieben mit den Worten ,Jenseits der Literatur‘“, erinnerte sich der 86-Jährige. Der Kritiker habe ihn damals aus der Literatur, zu der er sich doch eigentlich zählte, vertreiben wollen.

Auch nach Reich-Ranickis Tod kann sich Walser eine Spitze gegen den Kritiker nicht verkneifen. Als ihm NDR-Moderator Stephan Lohr ein Foto aus der „Zeit“ zeigt, auf dem Walser und Reich-Ranicki einträchtig nebeneinander sitzen, sagt Walser: „Das war 1978, zwei Jahre nach ,Jenseits der Liebe‘.“ In dem Jahr sei seine Novelle „Ein fliehendes Pferd“ erschienen. „Das Buch war kurz genug“, sagte Walser. „Das konnte Reich-Ranicki begreifen.“ Nachdem Martin Walser mit feinerem Humor auch noch über Peter Sloterdijk („Der weiß so viel, bei dem darf man nicht die falsche Erwartung haben, mit ihm ins Gespräch kommen zu können“) Peer Steinbrück („Seine Sätze klingen oft gebraucht“) und die „Schönheit im Gesicht von Angela Merkel“ gesprochen hatte, wurde gelesen. Gewohnt ausladend, mit schwingender, kreisender, abwinkender, zeigefingerzeigender, zur Faust geballter Hand trug er zwei Kapitel aus seinem Roman „Die Inszenierung“ über drei liebende Menschen vor.

Liebe wird wieder einmal zum Drama

Wobei: Das Buch „Roman“ zu nennen führt fast schon in die Irre. Denn Walser hat es fast komplett in Dialogform geschrieben, als Quasi-Theaterstück. Liebe wird so wieder einmal zum Drama. Nur ab und an unterbrechen Sätze wie „Augustus greift nach der Brille mit den dunklen Gläsern und nach dem Aufnahmegerät“, die wie Regieanweisungen klingen, die muntere Unterhaltung. Der Inhalt dieses verbalen Ping-Pong ist die werweißwievielte Variation von Walsers Thema „Alter Mann liebt junge Frau“. Die Hauptperson Augustus Baum, alternder Theaterregisseur, der gerade Tschechows „Die Möwe“ inszeniert, liegt im Krankenhaus. Eigentlich hat er seinen Schlaganfall bereits überwunden, doch eine Affäre mit der Krankenschwester Ute-Marie fesselt ihn ans Krankenhausbett. Aber auch seine Ehefrau Dr. Gerda besucht ihn häufig im Hospital. Und so sprechen alle drei mit- und übereinander über die Liebe und den Sex, über Ehe als „Kunstwerk der Verheimlichung“ und über „Immunschwächen der Seele“. Das ist manchmal in seiner pathetischen Umständlichkeit schwer zu ertragen, manchmal aber auch von zarter Schönheit . Walser bleibt sich also in seinem Spätwerk treu, er bleibt auch mit „Die Inszenierung“ diesseits der Liebe. Und diesseits der Literatur.

Im Anschluss an die Lesung äußerte sich Walser noch zu einem aktuellen Thema – den Überwachungsprogrammen des amerikanischen Geheimdienstes NSA. „Ich halte die gesamte Debatte für absurd“, sagte der Schriftsteller auf Anfrage der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Es habe nach dem Zweiten Weltkrieg Abkommen gegeben, die es den Alliierten erlaubten, Deutsche zu überwachen. „Um zu verhindern, dass so etwas wie im ,Dritten Reich‘ noch einmal passiert“, sagte Walser. Diese Abkommen seien mehrfach verlängert worden. Jeder Bundesbürger müsse „natürlich selbst entscheiden, ob er sich überwacht fühlt. Aber ich fühle mich in keinster Weise überwacht“, sagte er.

NDR Kultur sendet eine Aufnahme der Lesung am 20. Oktober ab 20 Uhr.

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