Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Maßnahmen zur Theaterrettung auf Tagung in Loccum besprochen
Nachrichten Kultur Maßnahmen zur Theaterrettung auf Tagung in Loccum besprochen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:59 22.06.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Jetzt hat Loccum sogar einen Tagungszeichner: Christoph Richter hat Wolfgang Schneider (vorn) gemalt, während er über Theater spricht. Richters Werke sind bis 1. August in Loccum ausgestellt. Quelle: Handout
Anzeige

Man duzte einander. Der Joachim (Klement) aus Braunschweig (der im August Wolfgang Gropper ablösen wird), der Markus (Müller) aus Oldenburg und der Lars-Ole (Walburg) aus Hannover waren sich darin einig, dass man relevantes Theater machen müsste, das auch die Jugendlichen und die Migranten nicht außen vor lässt. Markus Müller formulierte das so: „Wir müssen die Finger in die Wunden legen, die uns auf den Nägeln brennen.“ Und Joachim Klement zählte all die Projekte auf, mit denen sein Haus neue Zuschauerschichten zu erschließen versucht.

Das tat Lars-Ole Walburg nicht. Er nahm die Frage nach den Perspektiven ernst und berichtete, wie er mit dem Staatstheater Hannover gesellschaftspolitische Themen besetzen will. „Wir haben die Verpflichtung, Steuergelder so einzusetzen, dass etwas Neues geschieht“, sagte er, und erklärte, dass er mit seinem Theater „eigene Setzungen“ vornehmen wolle. Das Theater gehöre wie auch die Kirche zu den wenigen „kollektiven Räumen“ der Gesellschaft, hier könne „gesamtgesellschaftliche Solidarität“ formuliert werden, hier müssten politische Themen diskutiert werden. Ein wichtiges Thema: die Atomkraft. Hier wollen sich die drei Staatstheater zusammenschließen, in der kommenden Saison ist eine gemeinsame Aktion im Wendland geplant. Mit theatralen Mitteln will man die „Republik freies Wendland“ wiederauferstehen lassen.

Anzeige

Gut möglich, dass solche Aktionen auch zur Lösung eines Problems beitragen, das alle niedersächsischen Theater haben: die Überalterung des Publikums. Joachim Klement formulierte es so: „Der durchschnittliche Besucher des Staatstheaters Braunschweig ist 57 Jahre alt, weiblich und kommt mit dem Auto.“

Wolfgang Schneider, Direktor des Fachbereichs Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim, unterstrich den Befund; dem Theater, sagte er, ist das Publikum abhandengekommen. Nur knapp 10 Prozent der Bevölkerung gehen noch regelmäßig ins Theater. Besonders das junge Publikum fehlt. Und Menschen mit Migrationshintergrund werden gleich gar nicht erreicht. Schneiders These: Die Gesellschaft verändert sich viel schneller als die Theaterstrukturen. Er wünscht sich ein Theater, das mehr für junge Menschen und mehr für Menschen mit Migrationshintergrund tut. Außerdem sollten die Staats- und Stadttheater verstärkt mit der freien Szene zusammenarbeiten. Diese Forderungen waren auf der Tagung unumstritten. Ja, die Theaterleute beeilten sich darzulegen, dass sie selbstverständlich schon seit Langem viele Angebote für Kinder, Jugendliche und für Menschen mit Migrationshintergrund im Angebot haben.

Andererseits hätte man sich auf einer solchen Tagung, die ja der Ideenfindung dienen soll, auch fragen können, was eigentlich passieren würde, wenn man exakt das Gegenteil der von Schneider angeratenen Theaterrettungsmaßnahmen umsetzten würde. Nur mal als Gedankenexperiment: Die subventionierten Staats- und Stadttheater würden ihr Kinder- und Jugendangebot einschränken, sie würden die freie Szene ignorieren, und sie würden nichts mehr unternehmen, um „Schwellenängste“ (das Wort fiel mehrmals in Loccum, immer noch) bei Besuchern abzubauen. Hätten wir dann ein schlechteres Theater?

Oder hätten wir dann vielleicht sogar ein besseres Theater? Es wäre immerhin möglich, dass das Gegenteil der vorgeschlagenen Theaterrettungsmaßnahmen tatsächlich zu einem anderen, vielleicht sogar besseren Theater führen würde. Einem Theater, dessen Perspektive die Kunst wäre und nicht das Marketing. Einem Theater, das von Kindern und Jugendlichen entdeckt und erobert werden kann und sich nicht bei ihnen anbiedert. Einem Theater, das Schauspieler ernst nimmt, weil es Zugangsvoraussetzungen hat und nicht jeden auf die Bühne lässt, der sich irgendwie berufen fühlt. Einem Theater, das die freie Szene der Stadt nicht durch Umarmung erdrückt.

Sicher: Kulturwissenschaftler Schneider wollte keine Qualitätsdebatte führen – aber vielleicht ist das schon ein Teil des Problems. Wer über Theater redet, sollte nicht nur von Zuschauern und von Zuschüssen (die zurückgehen werden, das ist sicher) reden, sondern eben auch von Kunst. Das wurde natürlich auch getan, aber eher am Rande: Am ersten Abend des dreitägigen Theatermachertreffens sprach Hajo Kurzenberger (Dramaturg, Regisseur, Theaterwissenschaftler) von einem „Strom unterschwelliger Kritik am Staats- und Stadttheatersystem“, den er bei einigen Beiträgen gespürt habe. Er nannte das deutsche Theatersystem ein „hohes Gut“, das man nicht leichtfertig kaputtdiskutieren sollte.

Auffällig war, dass auf der Tagung zwar über die Welt außerhalb des Theaters gesprochen wurde, aber kaum einmal das Wort „Internet“ fiel. Geradezu rührend sprach Andrea Gronemeyer (Direktorin des „Schnawwl“, der Kinder- und Jugendbühne des Nationaltheaters Mannheim) davon, dass Theater für Jugendliche wichtig sei, weil sie hier im Spiel jemand anders sein könnten. Hallo? Das Internet ist voll von Rollenspielmöglichkeiten. In Ego-Shooter-Spielen sind Jugendliche jeden Tag jemand anders. Längst ist das Spiel mit Identitäten kein Alleinstellungsmerkmal des Theaters mehr. Geschichten werden überall erzählt, an Tragödien und Komödien ist kein Mangel. Jede Minute werden im Internetportal Youtube 24 Stunden Filmmaterial hochgeladen. Gelöscht wird so gut wie nie.

Wie das Theater in diesem Kosmos der Geschichten und Kuriositäten noch bestehen kann, was es in einer Zeit, in der jeder alles sagen kann und auch sagt, eigentlich noch zu sagen hat – darüber wurde in Loccum nicht gesprochen.

Vielleicht ist es wirklich mal eine neue Idee, Schwellenängste gerade nicht abzubauen. Vielleicht sollte das Theater eher daran arbeiten, etwas Besonderes zu bleiben. Etwas, das es nicht umsonst gibt. Etwas, das Mühe macht und das nicht immer sofort zu verstehen ist.

Vielleicht wäre das mal eine Perspektive.

Kultur Pflanzentheater - "Die Welt ohne uns"
Dirk Kirchberg 21.06.2010
Kultur Nordeutsches Tanztreff - "Voice" von Urs Dietrich
Regine Schulz 21.06.2010