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Kultur Getanzter Schwermut in der Eisfabrik
Nachrichten Kultur Getanzter Schwermut in der Eisfabrik
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17:43 22.01.2017
Vom Auf und Ab in Beziehungen: Maura Morales (Phaidra) und Chang Ik Oh (Theseus). Quelle: Klaus Handner
Hannover

Kaum ist zum Vorstellungsbeginn das Saallicht aus und Ruhe eingekehrt auf den mit ungewöhnlich vielen Schülern besetzten Zuschauerrängen in der Eisfabrik, greift der Mann am Mischpult erst mal zur Wasserflasche. Doch anstatt sich erwartungsgemäß einen Schluck zu genehmigen, lässt er die Flüssigkeit in eine Espressokanne neben sich tröpfeln. Dann betätigt er die Regler und ein blubbernder Sound ist zu hören.

Die Geräusche fließen ein in den spanischen Gesang von Sandra Carrasco, die auf einer Schaukel über der Bühne thront. Es ist ein Klagelied, wie man es aus dem Flamenco kennt - jede Silbe klingt gleichermaßen nach Freude, Schmerz, Hass und Tod. Es ist ein passender Auftakt für „Phaidra - die Virtuosität des Leidens“.

Der Untertitel sagt alles. Die verträumt hin und her schwingende junge Frau auf der Schaukel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in diesem einstündigen Tanztheaterstück der Cooperativa Maura Morales von Anfang an nicht um Schwerelosigkeit, sondern in jeglicher Hinsicht um das Gegenteil geht: um die Schwere von Schuld, um Schwermut, um die Last von Gefühlen.

Vom Dahinwelken der Schönheit

Maura Morales, diese vielversprechende junge Choreografin, die die Commedia Futura in der hannoverschen Eisfabrik für die Eröffnung ihrer „Tanzoffensive 2017“ gewinnen konnte, überlädt ihre Version der griechischen Tragödie um die in ihren Stiefsohn unglücklich verliebte Gattin des Theseus geradezu mit Symbolen und Gesten des Leids.

Nicht locker und leichtfüßig bewegen sich Phaidra (Morales), Theseus (Chang Ik Oh) und Stiefsohn Hippolyt (Yotam Peled). Wenn Theseus springt, dann kommt er polternd auf. Er stampft und kriecht geräuschvoll. Seine Körpersprache ist kämpferisch, doch Phaidras Lügen und Intrigen sowie ihr mal abweisendes, dann wieder von Zuneigung geprägtes Verhalten zwingen ihn immer wieder in die Knie. Phaidra behandelt ihn, der immerhin als einer der kühnsten Helden der griechischen Mythologie gilt, am Ende gar wie einen Hund. Auf allen vieren folgt Theseus ihr.

Die vom Dahinwelken ihrer jugendlichen Schönheit geplagte Phaidra bewegt sich, als sei ihr Körper ein Gefängnis, aus dem sie mit krampfhaften Zuckungen auszubrechen versucht. In einer Szene wendet Morales dem Publikum ihren nackten Rücken zu. Jeden Muskel von den Schultern abwärts bis hin zum untersten Lendenwirbel bringt sie zum Tanzen. Es sieht faszinierend, aber auch sehr anstrengend aus.

Schwingen in anderen Sphären

Doch den schweißtreibendsten Job hat Yotam Peled als Luftikus Hippolyt. Er schwingt in anderen Sphären als seine Stiefmutter. Morales verdeutlicht das mit einem von der Bühnendecke baumelnden Tau, an dem sich der ausgebildete Seilakrobat Peled in artistischer Manier hinauf- und hinunterbewegt. Phaidra himmelt ihn an, müht sich selbst mit dem Seil ab, doch Hippolyt bleibt unerreichbar. Bevor sie ihn aus Rache der Vergewaltigung bezichtigt und ihn damit in den Tod treibt, versucht sie, ihn noch einmal zu bezirzen: Morales setzt hierfür ihre Lockenpracht ein. Der am Seil kopfüber hängende Peled muss ihren Dutt in den Mund nehmen. Mit ihren Haaren zieht Morales ihn dann nach unten. Seltsam mutet das an; wie überhaupt diese ganze eher ins Varieté passende Artistiknummer.

Stark ist das Stück immer dann, wenn es sich auf die Körpersprache seiner drei Protagonisten konzentriert - ohne dass die Verstrickungen bedeutungsschwanger mit den Seilsequenzen untermalt werden. Auch der insgesamt stimmige Sound (Morales‘ Ehemann Michio) ist manchmal leicht überfrachtet. Der Gitarrist und Komponist sampelt Gitarrenklänge, Geräusche und Elektrobeats, die das Geschehen auf der Bühne mal be-, mal entschleunigen.

Morales hat sich für ihr Stück an der Vorlage von Euripides und Seneca orientiert. Das antike Drama ist schon von solch emotionaler Wucht, dass Morales allein mit ihrer beredten, sich durch höchst filigrane Bewegungsmuster auszeichnenden Tanzsprache ausgekommen wäre. Leider verlässt sie sich bei dieser Produktion nicht darauf.

von Kerstin Hergt

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