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Kultur Die Pointen der Frau Hitler
Nachrichten Kultur Die Pointen der Frau Hitler
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18:20 13.12.2015
Beinharte Hitler-Parodie: Christoph Müller und Lisa Natalie Arnold. Foto: Ribbe Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Er ist wieder da. Aber eigentlich war er nie wirklich weg. Adolf Hitler hat nach seinem Tod die Protektorate der Zeitgeschichte erobert, wurde zum Filmhelden, garantierte Nachrichtenmagazinen viele Titelgeschichten, bescherte dem ZDF ein Doku-Genre und hat mittlerweile auch die deutsche Parodie annektiert, die lange vom großen Vorbild von Charlie Chaplins „Der große Diktator“ eingeschüchtert war.

Als vor 28 Jahren George Tabori sein Stück „Mein Kampf“ vorlegte, reagierte das Publikum auf diese „theologische Farce“ mit einer Mischung aus Verlegenheit und Betroffenheit, ehe es sich vom deutsch-ungarisch-jüdischen Theatermacher entwaffnen ließ. Jetzt hat das Schauspiel Hannover das Stück wieder hervorgeholt - und siehe (und höre) da: Es funktioniert immer noch.

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Tabori erzählt, wie der angehende und scheiternde junge Kunstmaler Adolf Hitler aus Braunau nach Wien kommt. Er stößt dort in einem Männerheim auf den älteren Juden Schlomo Herzl, dem er das verehrte Gretchen und den Buchtitel „Mein Kampf“ klaut, ehe er mit dem Tod, der hier eine Frau ist, den „Beginn einer wundervollen Freundschaft“ feiert. Diese Mischung aus Aberwitz und Wortwitz lebt von der Sprache. Und darauf vertraut auch die Regisseurin Mina Salehpour.

Zu Beginn gibt es einen kleinen Slapstick-Auftritt vieler Führer und kurz vor dem Ende „Frühling für Hitler“ als peppiges Musical. Da darf Kostümbildnerin Maria Anderski dann in die Glitzerabteilung greifen. Aber im Wesentlichen vertraut diese Inszenierung auf Taboris Pointen-Ping-Pong, für das Robert Schweer ein angemessen verlumptes Interieur als Spielfeld bereitstellt. Und einen Abstieg in die Männerwelt im Untergrund, der es Lisa Natalie Arnold erlaubt, einen stillen Klamauk-Auftritt hinzulegen, ehe sie das Wort ergreift und so schnell nicht wieder hergibt. Sie spielt den Hitler und das ist erst irritierend, dann aber spannend. In die Hitlergalerie von Alec Guinness über Bruno Ganz bis Helge Schneider tritt hier kein weiterer Mann, sondern eine mädchenhafte Frau (in Hannover spielte 1988 übrigens Joachim Król Taboris Hitler). Lisa Natalie Arnold kann als junger Hitler das Wiener Würstchen ebenso wie den Lautsprecher: Das kleine Arschloch will Gröfaz werden.

Mina Salehpour hat George Taboris schwarztintige Farce „Mein Kampf“ im Schauspielhaus inszeniert. Vor 28 Jahren wurde das Stück dem Publikum das erste Mal vorgestellt. Es funktioniert immer noch.

Christoph Müllers Schlomo Herzl verzichtet wohltuend auf alle Jiddelei, er ist ein lieber Lügner, ein bibelkundiger Phantast, ein herzensguter Versager. Er ist ein Mensch. Daniel Nerlich gibt das Gretchen als naiven Prototypen des BDM-Mädchens. Beatrice Frey ist der gescheiterte Koscher-Koch Lobkowitz, der sich für Gott hält. Ihre etwas eng fokussierte Stimme macht es nicht immer leicht: Wenn sie nach rechts spricht, haben die auf der Linken wenig Chance. Man muss hier nämlich zuhören. Kein Mikroport weit und breit. Aber sie darf (Regieeinfall!) auch Heinrich Himmlischst spielen und lieferte dann die virtuose Beschreibung eines rituellen Hühnermordes (und wagt sich singend an die „Königin der Nacht“). Während des Spiels gab es Lacher nur in kleinen Dosen, am Ende aber befreiten Beifall. Sehenswert. Und hörenswert!

Die nächsten Vorstellungen finden am 16. und 22. Dezember. 5., 8., 12., 19., 29. Januar statt.

von Rainer Wagner

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