Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Mein Leben ist eine einsame Insel“
Nachrichten Kultur „Mein Leben ist eine einsame Insel“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 29.08.2013
Der US-Autor T.C. Boyle liest im Schauspielhaus aus seinem neuen Roman „The women“. Quelle: Frank Wilde
Berlin

Die Insel San Miguel ist für die Bewohner Objekt von Zukunftsvisionen und Auslöser von Albträumen. Teilen Sie diesen radikalen Eskapismus mit Ihren Romanfiguren?
Nein und Ja. Nein insofern, als ich in der Realität niemals länger als für ein paar Tage auf solch einer windgepeitschten Insel gewohnt habe. In meinen Träumen allerdings schon. Deshalb habe ich auch zuvor schon über das einfache Leben voller Entbehrungen geschrieben - in meinem Roman „Drop City“ über eine Hippie-Kommune. Die Aufgabe des Autors ist es, den Leser an diese abgeschiedenen Orte zu versetzen, ihn all das fühlen, schmecken, hören und sehen zu lassen. Und ihn mit den Charakteren leiden zu lassen.

Die Handlung spielt am Ende des 19. Jahrhunderts sowie während der Wirtschaftskrise und während des Ersten Weltkriegs. Wäre es möglich, diese Geschichten in die Gegenwart zu versetzen?
Das faszinierendste an diesen historischen Schicksalsgeschichten, die ich in Tagebüchern aufgestöbert habe, ist, dass sie sich zu einer Zeit zugetragen haben, als die Welt ein viel größerer und mysteriöserer Ort war. Derartige Isolation ist heutzutage, in dieser überfüllten und kleiner werdenden Welt, kaum mehr möglich. Vielleicht findet man Einsamkeit noch in einer Einzelzelle eines abgelegenen Gefängnisses. Oder in Grönland - zumindest so lange, bis das Eis schmilzt und ein zweites Miami Beach daraus wird.

Wie schon in Ihrem Roman „Die Frauen“ bilden drei Heldinnen das Zentrum des Romans. Was an diesen weiblichen Figuren versetzt Sie so in Andacht, dass Sie Ihnen ganze Bücher widmen?
Wie Sie vielleicht wissen, bin ich seit meinen frühen Zwanzigern der Hausdiener einer Frau. Ich spiele hier auf ihre Majestät an, Lady Boyle. Dieses Schicksal hat mir vielleicht einen winzigen Einblick in das Denken, Sprechen und Handeln von Frauen gegeben, wie das auch bei anderen Untergebenen und ihrer Herrschaft so ist. Außerdem sind Männer so fürchterlich langweilig, mit ihren borstigen Bärten, übergroßen Füßen und ihren schrecklich lauten Stimmen. Es macht so viel mehr Spaß, Psyche und Körper einer Frau zu erkunden.

Sie spielen wiederholt auf Shakespeares Theaterstück „Der Sturm“ an. Gleicht San Miguel der schönen neuen Welt von Miranda und ihrem Zauberervater?
Ich weiß nicht, ob die Insel eine schöne neue Welt ist, aber es gibt natürlich Parallelen, deshalb nutze ich Shakespeare als Leitmotiv. Ist Edith eine zweite Miranda? Beide machen schließlich auf der Insel ihre ersten Erfahrungen mit Männern. Aber Edith ist nicht die Heldin einer Komödie mit Happy End, sondern eines Boyle-Romans, in dem sich die Welt trotz aller schimmernden Schönheit als verräterisch erweist. Ich muss in diesem Zusammenhang den großen Philosophen und Doors-Sänger Jim Morrison zitieren: „Nobody here gets out alive.“ Hier kommt niemand lebendig raus.

Das Leben in der Natur gilt als gesund. In Ihrem Roman hingegen beherbergt die raue Insel Krankheit, auf physischer und psychologischer Ebene ...
Ich wundere mich oft über Romane und Filme, die das Leben in der Natur im schönstem Sonnenlicht darstellen. James Fenimore Cooper geht in „Der letzte Mohikaner“ zwar nicht gerade zimperlich mit seinen Protagonisten um, aber niemand wird von Zecken oder Mücken gebissen oder von Giftefeu attackiert. Und die Mädels haben niemals einen „bad hair day“, also einen Tag, an dem das Haar schlecht sitzt.

Haben Sie jemals auf einer einsamen Insel gewohnt?
Mein Leben ist eine einsame Insel. Jeder von uns bewohnt eine Muschel, die wir wie Einsiedlerkrebse mit uns herumtragen, um die Welt von uns fernzuhalten. Ich habe auf Inseln gelebt, wenn auch nicht ganz allein. Und ich verbringe so viel Zeit wie möglich in den Bergen der Sierra Nevada. Aber natürlich nur nach der Arbeit, ich bin schließlich ein sehr gut erzogener Autor, dessen größtes Begehren es ist, Geschichten zu erfinden und mit Wörtern zu spielen.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Ein sehr dickes Buch, eine Doppelmagnumflasche Wein und Frau Boyle. Lassen Sie mich schummeln und noch zwei weitere Dinge nennen: ein Keyboard und eine Musikaufnahme. Ob auf einer einsamen Insel oder nicht: Wer könnte schon ohne Johann Sebastian Bach leben?

Hintergrund

Thomas Coraghassan Boyle, US-Bestsellerautor, schreibt in seinem Roman „San Miguel“ über drei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf der unwirtlichen kalifornischen Insel San Miguel ums Überleben kämpfen. Das Buch basiert auf historischen Tatsachen: Boyle orientiert sich an den in Tagebüchern und Kindheitserinnerungen festgehaltenen Geschichten der Familien Waters und Lester, die tatsächlich einst auf San Miguel lebten. Der 64-jährige Boyle kleidet historische Biografien oder anderes dokumentarisches Material immer wieder ins Romangewand. In „Willkommen in Wellville“ etwa steht der Cornflakes-Gigant John Harvey Kellogg im Mittelpunkt. In „Die Frauen“ geht es um den Architekten Frank Lloyd Wright. In „Dr. Sex“ um den Sexualwissenschaftler Alfred Kinsey. Boyle betrachtet seine Figuren wie der Verhaltensforscher Tiere: mit großer Neugier, leichter Ironie, mit Genauigkeit, Anteilnahme und dem sezierenden Blick, der aus dem Verhalten der Figuren in Extremsituationen Schlüsse für die gesamte menschliche Spezies zieht.T. C. Boyle: „San Miguel“. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag. 448 Seiten, 22,90 Euro.

Interview: Nina May

Erfolgsfilme wie „Willkommen bei den Sch'tis“ oder „Ziemlich beste Freunde“ haben es vorgemacht. Komödien aus Frankreich finden meist auch im Nachbarland Deutschland Anklang. Jetzt kommt die Pariser Multikulti-Geschichte „Portugal, mon amour“ ins Kino.

26.08.2013
Kultur Thalia-Intendant im Interview - „Die sterben wie die Fliegen“

Für den Intendanten des Hamburger Thalia-Theaters, Joachim Lux, gibt es keine Krise der Theater in Deutschland – weder mit dem Publikum noch künstlerisch. Schuld am Theatersterben sei die Finanzkrise der öffentlichen Hand. Im Interview fordert der 55-Jährige daher eine bessere Ausstattung der Kommunen.

26.08.2013
Kultur Bryan Adams im Interview - Fotograf und Rockstar

Rockstar Bryan Adams ist auch ein renommierter Fotograf. Seine Bilder sind nun in Berlin zu sehen. Im Interview spricht er über das Fotografieren – und das Fotografiert werden.

26.08.2013