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Kultur Melodram auf der Müllkippe
Nachrichten Kultur Melodram auf der Müllkippe
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19:35 26.09.2011
Zwischen Deutschland und dem Kosovo: Wolf List (vorn), Abak Safaei-Rad, Elisabeth Hoppe und Philippe Goos (hinten von links). Quelle: Machado Rios
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Hannover

Heute schreiben wir Mathe“, sagt Elvira. „Und ich bin nicht da.“ Dass sie Mathe hasst, hat die 16-Jährige schon vergessen. Alles ist besser, als hier zu sein, auf dieser Müllkippe im Kosovo. Viel mehr noch als ­Mathe hasst Elvira dieses Land, das sich Heimat nennt, aber dessen Sprache sie nicht kennt. Sie will zurück nach Deutschland, zu ihrem Freund Bruno und zur Mathearbeit.

Deportation Cast“ nennt sich das gut einstündige Stück, mit dem Björn Bicker im Ballhof 2 dem Thema Abschiebung eine Bühne bietet. „Abschiebungsensemble“ heißt der Titel übersetzt, und das trifft es genau. Denn Bicker erzählt nicht bloß die fiktive Geschichte von ­Elvira und ihrer Familie, von kosovarischen Roma, die Ende der Neunziger nach Hannover flüchteten und ein gutes Jahrzehnt später unfreiwillig und überraschend zurückgeschickt werden: „Mittwochs waren sie noch da, donnerstags auf einmal weg.“ Er verwebt geschickt das Schicksal einer Minderheit, die Stigmatisierung und Verfolgung als Zigeuner, mit dem Hier und Jetzt der deutschen Einwanderungspolitik.

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Bickers Erzählung ist ein fortlaufender Perspektivwechsel, ein Potpourri aus Erlebnissen und Argumenten, ein Rollenspiel all jener, die mit Elviras Abschiebung, wenn sie tatsächlich passiert wäre, in Verbindung stehen könnten: Die Personen sind ausgedacht, dank Bickers Interviews und Recherchen kommen sie realen Vorbildern aber erstaunlich nah. Da gibt es Brunos Vater, der als Pilot einen Abschiebeflug nach Pristina gesteuert hat, und eine Kunstlehrerin, die ihren Schüler darin bestärkt, der Freundin in den Kosovo nachzureisen. Da berichten ein Anwalt, eine Beobachterin am Flughafen, eine Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde und ein Arzt, der lieber von „Heimreise“ als von Abschiebung spricht und den die Leibesvisitationen an die Nazizeit erinnern.

Scheinbar mühelos wechseln die vier Schauspieler zwischen zwölf verschiedenen Rollen sowie zwei verschiedenen Ländern und Familien hin und her. Überzeugend spielen vor allem Philippe Goos als Bruno, Bruder Egzon und Arzt sowie Elisabeth Hoppe als Elvira, Lehrerin und Sachbearbeiterin. Regisseur Peter Kastenmüller wechselt im Stakkato zwischen den Szenen hin und her und bedient sich dabei eines probaten Mittels: des Lichts. In trübem, schmutzigem Gelb erscheint die mit Taschen und Wassercontainern dekorierte Bühne, sobald die Handlung auf der Müllkippe im Kosovo spielt, auf der Elviras Vater für einen Euro am Tag Dosen sammelt. Hellweiß, kalt und sauber strahlt es aus den Scheinwerfern, wenn die Handlung in Deutschland spielt und Brunos Vater auf einem modernen Sofa aus denselben Taschen und Containern um seinen Urlaub bangt.

Die einzige Verbindung zwischen den Welten verkörpert Egzon, der jüngere Bruder von Elvira, traumatisiert und stumm, seit albanische Milizen das Haus der Familie angezündet haben. Er ist Handelnder, Beobachter, Erzähler und Geist zugleich, den nur die Zuschauer hören können. Und es ist Egzon, der am Ende das Schicksal aller bestimmt.

Deportation Cast“ ist harte Kost, es ist ein Stück, das viele Premierengäste am Ende reglos und ratlos zurücklässt. Fragen nach Schuld und politischer Verantwortung stehen nicht nur im Raum, sondern werden mit nach Hause getragen. Autor Bicker, der mit diesem Stück sein drittes Auftragswerk für das Staatstheater Hannover schrieb, dürfte das gewollt haben. Der 39-Jährige beschäftigt sich schon eine Weile mit dem Thema Migration, und im vergangenen Jahr widmete er das Stück „Trollmanns Kampf – Mer Zikrales“ im Ballhof erstmals den Sinti und Roma. Mit Worten wie „es sind unsere Gesetze, die Menschen an Orte bringen, wo sie nicht sein wollen“ appelliert er bewusst an das Gewissen seines Publikums.

Kunst sei zwar kein Umerziehungslager, erklärte Bicker vorab in einem Interview, Theater könne aber ein Ort der Gegenöffentlichkeit sein – gegen die rigide Abschiebungspolitik des niedersächsischen Innenministers zum Beispiel. Man ist geneigt, an die Wiedererfindung der Schaubühne als moralische Anstalt zu glauben. Doch Bickers politisches Ziel ist zu offensichtlich, legt sich als dunkle Wolke über das Stück und nimmt dem Publikum alle gedankliche Freiheit. Erdrückt fühlt man sich spätestens dann, wenn der Autor am Ende dazu auffordert, sich in eine Unterschriftenliste für das Bleiberecht der Sinti und Roma einzutragen.

Weitere Vorstellungen am 28. und 30. September und am 2., 11., 20. und 27. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr im Ballhof 2. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

Sophie Hilgenstock