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Kultur Elfen, Cowboys, Pappnasen
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00:15 28.04.2014
Foto: Multitalent in Hannover: Meret Becker.
Multitalent in Hannover: Meret Becker. Quelle: Küstner
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Hannover

Dass das mal gleich klar ist: „Ich erzähle einen vom Pferd“, sagt Meret Becker. Die Schauspielerin, Synchronsprecherin, Musikerin, Künstlerin steht auf der Bühne des Pavillon, ein langes weißes Kleid aus vorvergangener Zeit, die Haare kurz, und lacht. Das mit dem Pferd ist aber ernst gemeint. Es gehe ja schließlich um Cowboys, an diesem Abend und auch beim sechsten Studioalbum „Deins & Done“, das im Herbst erscheinen soll. Und um Liebe, Loslassen, Schönheit und das Alleinsein. Ihrem Cowboy legt sie den wohl lustigsten Satz in den Mund, den man einem Präriedurchstreifer andichten kann: „Es ist einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist.“

„Es hat mich noch nie interessiert, was ich nicht kann“, sagt Meret Becker. Einfach machen. Und so hat sie sich eine analoge Loopmaschine gebaut, wie sie die Spieluhr nennt, für die sie eigene Lochkarten gebaut hat und an deren Kurbel sie unentwegt dreht. Sie greift auch zu Xylophon, Gitarre, Tröte, Blas-Harmonika, und in die Tasten. Und sie entlockt einer Säge derart stimmliche Geräusche, dass man eine Opernsängerin wie Montserrat Caballé im flachen Sägeblatt sucht.

In Hannover hat die Schauspielerin, Synchronsprecherin und Musikerin Meret Becker ein überragendes Konzert gegeben – und dabei die Songs ihres nächsten Album „Deins & Done“ vorgestellt.

Doch alles wird überragt von Beckers Stimme. Jeder Ton, und sei er noch so dahinberlinert, sitz da, wo er sitzen soll. Sie kann hauchen und grollen, und alles dazwischen. In „Snowflakes for Breakfast“, der gerade erschienenen Single singt sie ganz sanft über die Kehrseite der Liebe, und warum Schneeflocken zum Frühstück helfen. Ein Glanzstück des Abends ist „Visitors“. Zu Beginn des Stücks erzählt sie auf Deutsch, vom Sägespänenrund, das ein abgereister Zirkus hinterlässt. Von Telegrafenleitungen, durch die Liebesnachrichten gekabelt werden. Die Liebe wie ein „Visitor“, ein Besucher, ein Zugvogel. Dann gibt sie dem Lied mehr Fahrt, tritt nach vorn, wird lauter, lauter und endet, ohne dass man es ahnen konnte, mit „Tfff, Tfff, Tfff, Tfff“ als in die Ferne entschwindende Dampflok.

Dazwischen Geschichten. „Hat mal jemand ne Fluppe?“, fragt die 45-Jährige. Und erzählt dann vom Exfreund, der damit Kunststücke konnte. Und von der Mutter, Dänin, die die Sprache nicht mehr sprechen wollte, weil sie den Klang so albern fand. Und von den Finnen, den Lappen genauer, die das Lasso erfunden haben. „Lasso ist ein läppisches Wort“, sagt sie, und es dauert ein paar Sekunden, bis sich ein Lachen im Publikum ausbreitet. Becker erzählt auch von dem Fragebogen einer Frauenzeitschrift, bei dem sie als Lebensmotto ein Zitat des Künstlers Bob Rutman („Birds can fly, but flies can't bird“) übersetzte. „Vögel können fliegen, aber Fliegen können nicht vogeln“ schrieb sie auf den Bogen. Die Zeitschrift fragte nach, ob sie die Ö-Striche vergessen habe – und Becker beömmelte sich.

Der Abend im Pavillon ist ein Kunstwerk. Die Musiker, allen voran Beckers künstlerischer Weggefährte Buddy Sacher, begleiten sie ganz präsent, ohne ihr aber Raum zu nehmen. Ohne jede Bruchstelle baut die Band auch ein paar Lieder von anderen Künstlern ein, „All my Mistakes“ von Teitur, das Schlaflied „Lullaby“ von Tom Waits und den wunderbaren „Walzer für Niemand“ von Sophie Hunger.

Diese Bühnenfrau Meret Becker wäre wohl dabei rausgekommen, wenn der große Geschichtenerzähler Jack White in Island als Elfe wiedergeboren, von einem Zirkus verschleppt und dann von Katharina Thalbach in einem Berliner Hinterhof großgezogen worden wäre.

Einen Höhepunkt hat sich Meret Becker für die zweite Zugabe aufgehoben. Sie singt das Stück „Wir lieben die Biere...“, von ihrem Bruder Ben Becker und Harald Juhnke - „den beiden Pappnasen“ - auf ein altes Seefahrerlied getextet. Dann setzt sie eine Flasche Bier an den Mund und leert sie in einem Zug. „Das, verehrtes Publikum, ist in unserer Familie eine Frage der Ehre.“

Im nächsten Jahr kommt die Schauspielerin Becker wieder groß raus. Sie übernimmt im neuen Ermittlerteam des Berliner „Tatorts“. Ein Ende der Vielfalt ist damit aber nicht in Sicht: Meret Becker hat kürzlich Jodelunterricht genommen. Es hat ihr gefallen.

Von Gerd Schild

Die Single „Snowflakes for Breakfast“ von Meret Becker ist als limitierte Vinylausgabe und als Download bei Edel erschienen. Das Album „Deins & Done“ soll im September folgen.

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