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Kultur Michael Douglas und Matt Damon als schwules Paar
Nachrichten Kultur Michael Douglas und Matt Damon als schwules Paar
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20:06 21.05.2013
Von Stefan Stosch
Schrill und ungewohnt: Michael Douglas und Matt Damonals schwules Liebespaar im neuen Film von Steven Soderbergh. Quelle: HBO Films
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Cannes

Das ist mal ein Besetzungscoup: Michael Douglas, der skrupellose Börsenmakler Gordon Gekko aus „Wall Street“, und Matt Damon, der tödliche Agent Jason Bourne aus den „Bourne“-Filmen, sind ein Leinwand-Liebespaar. Zeitweilig sogar ein ziemlich glückliches, wenn man Regisseur Steven Soderberghs Film „Behind the Candelabra“ glauben mag, der gestern Abend in Cannes Premiere hatte.

Douglas spielt Liberace, den extravaganten Las-Vegas-Entertainer. Damon ist sein ungefähr halb so alter Geliebter Scott Thorson. Auch den hat es wirklich gegeben - bis Liberace einen noch Jüngeren, noch Hübscheren fand und Thorson vor die Tür setzte.

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Michael Douglas im Glitzerfummel, mit Toupé, dicken Goldringen an den Händen und Chinchillapelz über den Schultern, Matt Damon in Chauffeurs-Livree und mit blonder Föhnfrisur: Das ist ein echter Hingucker, aber auch verdammt nah an der Karikatur. Doch schnell wird klar: Die Verwandlung ist ernst gemeint. Denn die beiden Hollywoodstars treten hinter ihre Figuren zurück.

Regisseur Steven Soderbergh schaut hinter die schillernde Oberfläche dieser Beziehung. Wir folgen dem Pfau Liberace in seine dekadenten Privatgemächer, Bühnenauftritte bleiben reine Zugabe. Erst sitzen Liberace und seine Eroberung mit Champagnergläsern im Whirlpool und haben (eher brav gefilmten) Sex, später hocken sie in Trainingsanzügen auf dem Fernsehsofa. Die zwei liefern sich Eheschlachten wie andere Paare auch und sind ebenso unglücklich. Mindestens.

Nur dass die Machtverhältnisse ungleich verteilt sind: Liberace lässt seinen Loverboy vom Schönheitschirurgen zu einem jüngeren Ebenbild seiner selbst umoperieren. Und wenn sie sich so richtig fetzen, macht er klar, dass er fürs Luxus-Lotterleben bezahlt. Da stellt sich dann die Frage: Warum muss Soderbergh die Geschichte unbedingt zu einer großen Liebe ausschmücken?

Ein letztes Mal begegnet Thorson dem aidskranken Entertainer auf dessen Sterbebett. Noch nach Liberaces Tod wird dessen Entourage peinlichst darauf achten, die Homosexualität des Chefs geheim zu halten. Solche gesellschaftlichen Bezüge interessieren Soderbergh aber nur begrenzt - was schade ist. Die Liebe zwischen dem Showman und seinem Chauffeur mag tragisch gewesen sein, noch tragischer aber war das sexuelle Versteckspiel, zu dem sich Liberace gezwungen sah.

Trotzdem bietet „Behind der Candelabra“ schnelle, gewitzte Unterhaltung. In den USA kommt der Film allerdings nicht auf die Kinoleinwand: Das Warner-Studio entwickelte zwar den Stoff, machte dann aber einen Rückzieher. Der US-Bezahlsender HBO sprang mit einem 20-Millionen-Dollar-Budget ein und bestätigte damit wohl eher unfreiwillig Soderberghs Diagnose über das aktuelle US-Kino: Hollywood sei nur noch auf Blockbuster fixiert, ersticke im Vermarktungswahn und begehe auf Dauer kreativen Selbstmord. Kleine, mutige Produktionen hätten kaum eine Chance.

„Ich beklage mich aber nicht“, sagte Steven Soderbergh gestern auf dem Filmfestival in Cannes. Der Ausnahme-Regisseur hat Konsequenzen gezogen. Er bestätigte seinen angekündigten Rückzug aus Hollywood. In Cannes hat sich damit für den 50-Jährigen ein Kreis geschlossen: 1989 feierte er hier mit „Sex, Lügen und Video“ seinen Durchbruch und gewann die Goldene Palme. „Und nun habe ich eben wieder einen Film über zwei Leute in einem Raum gedreht“, so Soderbergh gestern.

Johanna Di Blasi 20.05.2013