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Kultur Michael Haneke räumt mit Drama „Das weiße Band“ ab
Nachrichten Kultur Michael Haneke räumt mit Drama „Das weiße Band“ ab
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21:16 13.12.2009
Von Stefan Stosch
Michael Haneke
Michael Haneke Quelle: ddp
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Der Europäische Filmpreis als Auftakt für das Kulturhauptstadtjahr „Ruhr.2010“: Das war eine gute Idee am Sonnabend in der Bochumer Jahrhunderthalle – und zugleich ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Beide Seiten hofften, von dieser einmaligen Verbindung zu profitieren: 1400 prominente Gäste, angeführt von den Ehrenpreisträgern Isabelle Huppert und Ken Loach, sollten konzentrierte Strahlkraft aufs Ruhrgebiet lenken. Umgekehrt hoffte die Europäische Filmakademie mit ihrem Präsidenten Wim Wenders auf die Aufmerksamkeit, um die der europäische Film sonst oft vergeblich buhlt.

Der von den Akademiemitgliedern vergebene Filmpreis wird zwar gerne als ­europäischer Oscar betitelt, aber längst nicht in vergleichbarem Maße gewürdigt. In Deutschland fand sich nicht einmal ein Fernsehsender, der die von Anke Engelke kurzweilig moderierte Bochumer Gala live übertragen mochte. Dabei hätten die Preisträger jeden Applaus verdient, besonders der überragende Sieger des Abends: Gleich dreimal wurde ­Michael Haneke aufgerufen. Trophäen für den besten Film, die beste Regie und das beste Drehbuch nahm der 67-Jährige entgegen.

Sein beklemmendes Drama „Das weiße Band“ über die Ursprünge der Gewalt im 20. Jahrhundert, angesiedelt in einem norddeutschen Dorf kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, hatte im Mai beim Filmfestival von Cannes bereits die Goldene Palme gewonnen. „Das weiße Band“ soll Deutschland auch im Oscar-Rennen im März nächsten Jahres vertreten. Nach dem bisherigen Preisregen dürfte es das strenge Werk – ganz in Schwarz-Weiß und teilweise ohne Musik – in die Endauswahl schaffen.

Doch mag Hollywood lieber das Bunte, Schrille, beispielsweise Märchen wie „Slumdog Millionaire“ von Danny Boyle. In Bochum schlug Haneke den aktuellen Oscar-Preisträger 2009 aus dem Feld: Der Brite musste sich mit dem Publikumspreis begnügen. Kate Winslet wurde für ihre Rolle als KZ-Wächterin in „Der Vorleser“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet, war aber gar nicht angereist. Bei den Männern gewann der aus dem Maghreb stammende junge Franzose Tahar Rahim. Er spielt in dem harten Gangsterdrama „Un Prophète“ (Regie: Jacques Audiard), das in Deutschland erst im Frühjahr nächsten Jahres startet.

Bester Kameramann wurde Anthony Dod Mantle für seine Arbeit bei gleich zwei Filmen, bei Lars von Triers „Antichrist“ und Boyles „Slumdog Millionaire“. Dass das europäische Kino seine Helden zu feiern weiß, zeigte die Verleihung der Ehrenpreise. Die Französin Huppert und der Brite Loach wurden mit Ovationen im Stehen auf der Bühne empfangen. Loach warb dafür, dass europäische Filme auch europaweit zu sehen sein müssten. Die originelle Begründung des streitbaren 73-Jährigen: Wenn amerikanische Präsidenten sich für die Stahlindustrie und Agrarprodukte aus dem eigenen Land starkmachten, dann verdiene auch der europäische Film mehr Schutz durch die europäische Politik.

Loach hatte den wohl ungewöhnlichsten Laudator des Abends: Eric Cantona, den ehemaligen Fußballstar bei Manchester United, französischen Nationalspieler und bekennenden Exzentriker. Cantona war schon als Hauptdarsteller in Loachs jüngstem Film „Looking for Eric“ dabei. Solange Regie-Haudegen noch solche Besetzungscoups landen, muss einem ums europäische Kino vielleicht doch nicht so bange sein.