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Kultur Michael J. Sandel über Aristoteles und das Cheerleading
Nachrichten Kultur Michael J. Sandel über Aristoteles und das Cheerleading
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00:15 27.03.2013
Von Karl-Ludwig Baader
Hoch die Puschel: Was hätte Aristoteles wohl dazu gesagt? Cheerleader der Atlanta Falcons beim Spiel gegen Denver. Quelle: dpa
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Hannover

Philosophie ist ein eigenartiges Geschäft. Sie versucht eine Welt zu deuten, die im steten Wandel begriffen ist, und greift dazu stets auch auf die Klassiker des philosophischen Denkens zurück, die zuweilen Jahrhunderte, manche wie Aristoteles oder Platon Jahrtausende, vor uns gelebt haben. Der 1953 geborene Harvard-Professor Michael J. Sandel weiß die Alten besonders geschickt zu aktualisieren. Er betrachtet einen Klassiker nicht wie eine preziöse Antiquität, sondern behandelt ihn wie einen Gesprächspartner und Ratgeber. Es sind die von Klassikern wie Aristoteles, Rousseau oder Kant entwickelten Kategorien und Argumentationsfiguren, mit denen sich auch heute noch Maßstäbe für die moralische Beurteilung gegenwärtiger Probleme gewinnen lassen. Und so hat Sandel seine Abhandlung über den Begriff der Gerechtigkeit (die aus einer berühmt gewordenen Vorlesung hervorgegangen ist) weniger chronologisch-philosophiegeschichtlich als problemorientiert angelegt.

An einem Beispiel zeigt er, was etwa Aristoteles zur Klärung eines konkreten Alltagskonflikts beitragen kann. Callie war eine beliebte, das Publikum begeisternde Cheerleaderin an einer texanischen Highschool - obwohl sie auf den Rollstuhl angewiesen war. Schließlich wurde sie aus dem Kader gedrängt, mit der Begründung, dass sie wie alle anderen auch am Gymnastikprogramm teilnehmen müsste. Wird hier Mittel (traditionelle gymnastische Fertigkeiten wie Spagat) und Zweck (Begeisterung entfachen) verwechselt? Orientiere man sich an Aristoteles, meint Sandel, gehe es noch um einen weiteren Aspekt, der in vielen anderen philosophischen Ansätzen keine Rolle spiele: die Ehre. Wird die Auszeichnung, Cheerleaderin zu sein, entwertet, wenn die traditionellen sportlichen Fähigkeiten keine Rolle mehr spielen? Was also, wäre mit Aristoteles zu fragen, ist die Natur und der Zweck dieser Institution Cheerleading? Dazu reicht, so Sandel, die Bestimmung eines bloß instrumentellen Zwecks (Begeisterung entfachen) nicht aus. Die Antwort hängt, unterstreicht Sandel, davon ab, „welche Tugenden unserer Ansicht nach Anerkennung und Belohnung verdienen“.

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Überwiegend greift Sandel aber politisch brisantere Streitfragen der (amerikanischen) Gesellschaft wie Steuergesetzgebung, Wehrpflicht, Leihmutterschaft oder positive Diskriminierung auf. In den aktuellen Debatten der politischen Philosophie macht der Politikwissenschaftler drei Leitgedanken oder Ideale aus, um die sich die Diskussionen ausdrücklich oder indirekt drehen: die Mehrung des Gemeinwohls, die Achtung vor der Freiheit des Einzelnen und die Förderung menschlicher Tugenden. Dann befragt er die wichtigsten philosophischen Positionen, wie sie zu diesen Idealen stehen, ob sie sie überhaupt für erstrebenswert oder auch nur für begründbar halten. Dabei versucht er, die Stärken und Schwächen der jeweiligen Argumente herauszuarbeiten. Und nimmt auch die Spannung zwischen unseren Grundsätzen und unseren kulturell vermittelten „Intuitionen“ von Gerechtigkeit in den Blick. Ziel seines Ansatzes ist es, die moralische Reflexion zu schulen - Antworten auf moralische Fragen, so Sandel, können wir nur in einer öffentlichen Debatte erhalten.

Am wenigsten traut er dem Utilitarismus zu, vor allem dem klassischen von Jeremy Bentham. Das größte Glück der größten Zahl als zentrales Motiv habe zu Fragen der Menschenrechte oder der Würde des Einzelnen nichts beizutragen. Großen Abstand hält er auch zu marktradikalen Positionen, mit denen er sich schon in seinem Bestseller „Was man für Geld nicht kaufen kann“ kritisch auseinandergesetzt hat. Dieser „Libertarianismus“ nehme zwar die Freiheit sehr ernst, interpretiere sie aber vor allem als Marktfreiheit. Jeder könne, da er Eigentümer seiner selbst sei, jeden Vertrag eingehen: etwa seine Organe verkaufen oder zum Niedriglohn arbeiten. Sandel unterstreicht, dass es mit der Freiheit nicht weit her ist, wenn die wirtschaftliche Not zu solchen Abschlüssen zwingt.

Ausführlich beschäftigt er sich mit dem philosophisch anspruchsvollen Freiheitsbegriff von Immanuel Kant, der mit Marktfreiheit gerade nichts zu tun hat. Dessen universelle Moralprinzipien gründen auf dem Respekt, der dem Menschen als freiheitsfähigem und vernunftbegabtem Wesen zukommt. Selbstbestimmtes Handeln muss sich nach Kant an verallgemeinerbaren Prinzipien orientieren, dabei folgen die Subjekte dann dem Gesetz, das sie sich selbst gegeben haben. Allerdings, bemängelt Sandel, gehen daraus keine Grundsätze der Gerechtigkeit hervor.

Das aber versuche der amerikanische Philosoph John Rawls zu leisten. Sein Ausgangspunkt sei ein Subjekt, das eigennützig, aber zugleich vernünftig ist. Welche Normen würde ein solches Individuum als gerecht empfinden, wenn es „unter dem Schleier des Nichtwissens“ entscheiden würde, also ohne zu wissen, welche soziale Stellung und welche Talentausstattung ihn im Leben erwartet. So kommt Rawls zu Normen wie Fairness, Selbstbestimmung und Gegenseitigkeit und findet nur jenes Maß an sozialer Ungleichheit gerechtfertigt, das letztlich allen, also auch den Ärmsten einer Gesellschaft nützt.

Für Sandel vermögen solche Positionen, die auf einem erdachten Gesellschaftsvertrag basieren, nicht, moralische Normen wie Patriotismus oder Solidarität zu begründen. Laut Sandel, der der kommunitaristischen Richtung der politischen Philosophie zugerechnet wird, reicht der moralische Individualismus nicht aus, wenn es um Fragen der Loyalität geht. Der Einzelne müsste auch die geschichtlich gewachsenen Normen jener Gemeinschaften ernst nehmen, in die er hineingeboren wurde. Sandel spricht sich zudem für eine gesellschaftliche Förderung von Tugendidealen aus: Der Einzelne solle sich nicht als Konsument, sondern als ein dem Gemeinwesen verpflichteter Bürger verstehen.

Sandel greift mit seinen Vorlesungen und Büchern ausdrücklich in die inneramerikanische Debatte ein, in der rechtskonservative christliche Positionen massiv propagiert werden. Er rät den amerikanischen Liberalen, das Feld der moralischen und religiösen Argumentation nicht diesen Fundamentalisten zu überlassen. Er lobt Präsident Barack Obama, weil er in seinen Reden spirituelle Aspekte einbezieht, und erinnert an Martin Luther King, der seine emanzipatorische Politik auch religiös unterfüttert habe.

Ob sich aus der Beobachtung von patriotischen Regungen moralische Regeln begründen lassen, kann man genauso kontrovers diskutieren wie die Frage, wie viel Rationalität eine moralisch aufgeladene Debatte ermöglicht. Sicher ist aber, dass sich die Lektüre dieser anregenden, um Fairness bemühten Darstellung lohnt. Nicht nur für den, der wissen will, was Aristoteles vom Cheerleading hält.

Michael J. Sandel: „Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun.“ Aus dem Amerikanischen von Helmut Reuter. Ullstein. 413 Seiten, 21,99 Euro.

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