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Kultur „Das Leben ist eine Melancholiemaschine“
Nachrichten Kultur „Das Leben ist eine Melancholiemaschine“
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17:52 22.04.2015
Von Martina Sulner
Quelle: Hassiepen
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Hannover

Herr Köhlmeier, erinnern Sie sich noch an den ersten Charlie-Chaplin-Film, den Sie gesehen haben?

„Limelight - Rampenlicht“ war der erste große Film, den ich sah. Ich war ein Kind, meine Tante wohnte über einem Kino, ich saß unter wenigen Zuschauern. Eine fremde Traurigkeit war da. Ich hatte ja keine Ahnung, dass der Mensch einmal traurig sein könnte, wenn sein Leben sich dem Ende zuneigt. Später sah ich „The Gold Rush - Goldrausch“. Da wusste ich, dieser Schauspieler wird ein lebenslanger Liebling werden.

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Was gefällt Ihnen so an ihm?

Chaplin zeigt, dass Komödie und Tragödie nur verschiedene Sehweisen desselben Geschehens sind. Und dann gibt es die Tragikomödie. Das ist die höchste Kunst. Wenn man als Zuseher - oder als Leser - nicht weiß, soll man jetzt weinen oder lachen. Wenn man zugleich weint und lacht. Wir verdanken Chaplin viele solche Momente. Der Brötchentanz in „The Gold Rush“, die Essmaschine in „Modern Times“, die Szene in „City Lights“, als zwei potenzielle Selbstmörder aufeinander treffen und der eine den anderen von der Schönheit des Lebens überzeugen möchte.

Zur Person

Michael Köhlmeier, geboren 1949, ist einer der erfolgreichsten österreichischen Autoren. Seit seinem Debüt 1982 hat er neben Drehbüchern und Hörspielen mehr als 30 Bücher veröffentlicht, darunter „Abendland“ und „Madalyn“. Für seinen jüngsten Roman, „Zwei Herren am Strand“ (Hanser Verlag) erhält Köhlmeier am Montag, 27. April, um 19 Uhr in Hannover den mit 15 000 Euro dotierten Preis der 
Literatour Nord. Die Preisverleihung bei der VGH, Eingang Warmbüchenkamp 8, ist öffentlich. Es ist keine Anmeldung erforderlich; der Eintritt ist frei.

Ihr Roman „Zwei Herren am Strand“ erzählt von zwei der bekanntesten Männer des 20. Jahrhunderts: Chaplin und Churchill. Was interessierte Sie an diesen Personen, über die schon unendlich viel gesagt und geschrieben wurde?

Dass sie sich gekannt haben, einander respektiert haben, bewundert haben und einander zugeneigt waren. Und dann erfuhr ich, dass sie einen gemeinsamen inneren Feind hatten. Churchill nannte ihn den „schwarzen Hund“. Die Depression. In den Erinnerungen von Charles Chaplin jr. las ich, sein Vater sei regelmäßig nach Beendigung eines Films in die Hölle gestürzt und die Familie hätte gebangt. Nietzsches Eingeständnis, der Gedanke an Selbstmord sei manchmal tröstlich, haben sie sich zu Herzen genommen. Ja, und später hatten sie dann noch einen gemeinsamen äußeren Feind: Hitler.

Wie unbefangen haben Sie sich den beiden in der Recherche überhaupt nähern können?

Schriftstellerei hat, gemessen an ziviler Moral, etwas Unseriöses. Wir tun immer als ob. Als ob ich in meine Helden hineinsehen könnte. Ich gebe dem Finden und dem Erfinden gleiches Gewicht. Dieses haben sie getan, gedacht, gesagt, jenes hätten sie tun, denken oder sagen können. Ein Historiker darf das nicht, ein Schriftsteller muss es.

In Ihrem Buch bleiben Sie nahe an den historischen Tatsachen. Warum ist „Zwei Herren am Strand“ dennoch ein Roman?

Ein Roman nimmt die Wirklichkeit und spielt mit ihr. Es gibt Romane, die sich überhaupt nicht an die Wirklichkeit halten - „Alice im Wunderland“ zum Beispiel. Alles darf der Roman, aber alles geschieht unter den Gesetzen des Spiels. Ich will nicht eine sophistische Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Wahrheit treffen, so etwas haben sich Kritiker und Literaturwissenschaftler ausgedacht. Kunst, Poesie, Drama, Roman - in ihnen allen wird der Triumph der Möglichkeitsform gefeiert. Zwei Ritter gegen Depression und Terror - das ist doch eine Geschichte!

Über Churchill heißt es an einer Stelle, dass er bei seinen Texten das Narrative betone und sich mit Reflexionen zurückhalte, um verständlich zu sein. Entspricht das auch Ihrer Auffassung?

Ja. Wenn man nicht weiß, was und wie man erzählen soll, denkt man laut über das Erzählen nach. Das rettet einen - scheinbar. Aber höchstens über eine halbe Seite. Die große Kunst zeigt sich, wo einer das Narrative und die Reflexion zusammenführt. Tolstoi in „Anna Karenina“ - über die Gedanken des Ljewin gelingt es ihm, seine eigenen Reflexionen auszubreiten. Der Leser ist nicht verstimmt. Nicht der Autor scheint seine Absicht preiszugeben, sondern eine Figur charakterisiert sich über ihre Gedanken. Vorbildlich!

Der Erzähler Ihres Romans hat einen Großteil der Begebenheiten von seinem Vater erfahren. Auch Vater und Sohn sind eine traurige Schicksalsgemeinschaft ...

Ich habe mit dem Vater des Ich-Erzählers begonnen. Ein Mann, der, um von sich selbst abzulenken, sich in einen anderen Menschen versetzt, indem er dessen Biografie schreiben will, eben Churchills Biografie. Churchill wiederum hat die Biografie seines Vorfahren, des 1. Duke of Marlborough, geschrieben. Dann die Beziehung zwischen Vater und Sohn: wie in Chaplins „The Kid“. Wenn Sie mich fragen, welcher mein Lieblingsfilm von Chaplin ist: „The Kid“.

Das erste Bühnenprogramm des Ich-Erzählers heißt „Die Melancholiemaschine“. Was ist das für eine Maschine?

Das Leben selbst ist diese Melancholiemaschine. Der tägliche Ablauf erzeugt Melancholie: Zu jeder Minute des Tages trifft man auf Bekannte - die Kaffeetasse, das Handtuch, den Teppich, der sich an einer Seite wellt. Das Bewusstsein: Wir sind von der Welt vergessen worden, darum sind wir hier. So einem Leben zuzusehen ist sehr lustig.

Der Ich-Erzähler tritt später als Clown auf, der über Depression und Suizid spricht. Warum ist das lustig, wenn ein Clown davon erzählt?

Ich finde es komisch, dass man, um sich das Leben zu nehmen, Werkzeug benötigt, auch Tabletten können Werkzeuge sein. Der Tat geht eine gewisse Geschäftigkeit voraus. Man muss sich kundig machen, wie ein Knoten zu knüpfen ist, damit er hält, wie ein Schnitt zu führen ist, wann der Zug kommt, und so weiter. Diese Geschäftigkeit sieht der Geschäftigkeit, mit der ein tägliches Mittagessen zubereitet wird, unheimlich - ja, unheimlich - ähnlich. Das ist tragisch - und zugleich komisch.

Glorifizieren Sie die Figur des Clowns, der traurige Wahrheiten ausspricht und Menschen dabei zum Lachen bringt, nicht?

Oft sind die Clowns ja stumm. Sie tun einfach. Wenn Chaplin in „The Gold Rush“ vor dem Bären davonläuft, lüpft er den Hut, weil er gewohnt ist, immer höflich zu sein - eben auch einem Bären gegenüber, der einen fressen will. Wir alle sind, wenn wir auf tapfere Art lächerlich sind, Nachfahren des großen Don Quichote. Ihm gebührt die Glorie.

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