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Kultur Zehn Jahre Lagerhaft
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10:00 19.06.2014
Michail Chodorkowski war von 2003 bis 2013 in russischen Gefängnissen und Straflagern inhaftiert. Quelle: Jörg Carstensen/dpa
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Berlin

Michail Chodorkowski, der frühere Ölmilliardär und Oligarch, teilte das Schicksal Hunderttausender Russen: Er verbüßte zehn Jahre Haft in Gefängnissen und entlegenen russischen Straflagern in Sibirien und Karelien. Großen Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow verdankt die literarische Welt Berichte über die sowjetische Lagerhölle. Doch auch im 21. Jahrhundert haben diese Zonen der Willkür und Gewalt nichts von ihrer Grausamkeit verloren. Eine Beschreibung des aktuellen Zustands aus erster Hand ist das Verdienst des einst zu den reichsten Männern der Welt gehörenden Chodorkowski, aber auch der Frauen der Kreml-kritischen Punkband Pussy Riot.

Der im vergangenen Dezember von Präsident Wladimir Putin begnadigte Chodorkowski, der in zwei höchst umstrittenen Prozessen wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war, hat ein Buch über das russische Lagersystem geschrieben. Das Besondere daran ist, dass der 50-Jährige nicht einfach werbewirksam seine eigenen Lager-«Memoiren» verfasst hat. Vielmehr porträtiert er in dem am Mittwoch erschienenen Buch „Meine Mitgefangenen“ Häftlinge, deren Schicksale sonst wohl niemals öffentlich bekanntgeworden wäre.

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Chodorkowski ist kein Schriftsteller, sondern ein nach eigener Darstellung „durch und durch technokratischer Mensch“. Das merkt man den 20 Kurzporträts an. Und doch gehen seine schnörkellosen Skizzen, die das Lagersystem in seiner Korrumpiertheit, Rechtlosigkeit und fast schon kafkaesken Unberechenbarkeit präzise erfassen, unter die Haut. Fast ebenso bedrückend ist seine Schlussfolgerung, das Lagersystem sei ein Abbild der russischen Gesellschaft.

Nur indirekt gibt Chodorkowski Details seiner eigenen Lagererfahrung preis. Man erfährt, dass er über die Jahre keinen Zugang zu Computern und Internet hat und dass er wegen seiner internationalen Bekanntheit offenbar einen hohen Rang in der Lagerhierarchie innehatte. Zwar bewahrte ihn seine Popularität weder vor Einzelhaft und noch vor der Messerattacke eines Mithäftlings, wie man aus dem Anhang des Buches erfährt. Doch es scheint auch durch, dass Zellengenossen trotz des immensen Drucks der Obrigkeit nicht zu Falschaussagen gegen Chodorkowski bereit waren.

Doch es geht in dem Buch um die Anderen. Da ist ein verurteilter Drogendealer, der sich lieber den Bauch aufschlitzt als den von ihm gar nicht begangenen Diebstahl der Handtasche einer alten Frau mit 2000 Rubeln zuzugeben. Es gibt Ermittler, die Häftlinge mit ihren Fäusten oder mit Pralinen zum Reden bringen sollen. Wolodja, der das kriminell angehäufte Geld vom Konto eines Miliz-Oberen abgeräumt hatte, wird kurz vor seiner Entlassung des Mordes an einem Mithäftling beschuldigt, obwohl Ärzte und Aufseher wussten, dass er dem Opfer niemals begegnet war. Wolodja gibt die Tat nicht zu und bekommt weitere lange Lagerjahre aufgebrummt.

Chodorkowski trifft auf junge Ermittlungsbeamte, die gerade ihr Jura-Studium abgeschlossen haben und im Lageralltag lernen, das Recht zu verbiegen. Dann sind da die Spitzel, mit denen man sich besser nicht anlegt, sonst finden sich verbotene Spielkarten oder Geldscheine bei der nächsten Zellendurchsuchung unter den eigenen Sachen. Chodorkowski rettet einem Mithäftling, der sich erhängen will, das Leben. Doch für einen misslungenen Selbstmord gibt es im Lager als Strafe Karzer und keine Hoffnung mehr auf vorzeitige Entlassung.

„Du bist kein Mensch, und die um dich herum sind keine Menschen“, das wird den Gefangenen eingetrichtert. Das perfide Gefängnissystem aus Erpressung, Willkür, Denunziation und Erniedrigung erscheint Chodorkowski wie ein „ins Groteske gesteigertes Modell“ des normalen russischen Lebens. „Selbst in der Freiheit ist bei uns heute ein krimineller Erpresser nur schwer von einem Vertreter des Staats zu unterscheiden.“ Tief im Unterbewusstsein sei in jedem Russen die Lebensweisheit verankert: „Vor Armut und Gefängnis ist keiner gefeit.“

dpa

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