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Kultur Houellebecqs Beschleunigung der Geschichte
Nachrichten Kultur Houellebecqs Beschleunigung der Geschichte
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00:15 09.01.2015
Foto: Ein „enfant terrible“: der französische Schriftsteller Michel Houellebecq.
Ein „enfant terrible“: der französische Schriftsteller Michel Houellebecq. Quelle: Hugo Ortuno/dpa
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Paris

Der Meister der Gefühllosigkeit hat ein neues Buch geschrieben. Der Titel macht mächtig Theaterdonner: „Unterwerfung“. Wer unterwirft sich wem? Schnell wird klar: Es geht nicht um Frauen und Männer, nicht um Sadomasospielchen, sondern um Großes. Um Religion und Politik – Frankreich unterwirft sich dem Islam. Schreibt Michel Houellebecq (58), einer von Frankreichs umstrittensten Autoren der Gegenwart, in seinem neuen Werk jetzt für die Pegida-Bewegung?
Nicht ganz. Der Mann, dessen neues Buch heute in Frankreich veröffentlicht wird, warnt nicht vor dem Untergang des christlichen Abendlandes – er konstatiert ihn. Und zwar durchaus mit einer gewissen hintergründigen Sympathie. Schon im Vorfeld hatte der Roman eine heftige politische Debatte ausgelöst, auch zu der Frage, ob hier womöglich eine unangemessene Islamfeindlichkeit dargestellt wird. Am 17. Januar erscheint das Buch in Deutschland – mitten in einer Zeit, da auch hierzulande über das Verhältnis der Gesellschaft zum Islam heftig gerungen wird.

Houellebecqs Dystopie

Die vom Schriftsteller präsentierte Geschichte ist in naher Zukunft, im Jahr 2022, angesiedelt. Schüsse fallen in Paris, bei Anschlägen auf Wahllokale kommen viele Menschen ums Leben. Irgendwann scheint es, als würde die gesamte Infrastruktur des Landes zusammenbrechen. Aber „Unterwerfung“ ist keine Endzeitgeschichte, sondern eher die Geschichte eines Anfangs. Frankreich sagt dem Laizismus (der strikten Trennung von Staat und Kirche) Adieu und wird zum islamischen Staat. Das wirkt in Houellebecqs Roman gelegentlich auch wie ein Aufbruch. Der Held der Geschichte vermag hier durchaus einige Vorteile zu erkennen: Die Kriminalitätsrate, besonders in den Problemvierteln, sinkt rasant. Weil Frauen nicht mehr berufstätig sein sollen, geht die Arbeitslosenquote zurück. Und er ­erkennt noch einen weiteren Vorteil: ­Polygamie ist möglich.

So ist das mit den Figuren des Michel Houellebecq: Es sind meist eher unangenehme Typen. Was mit der literarischen Qualität der Bücher allerdings nichts zu tun hat. Auch Dostojewskis Raskolnikow war kein Samariter.
Im Zentrum von „Unterwerfung“ steht der Literaturwissenschaftler François. Er lebt ein unglückliches, graues Leben, verspürt aber keinerlei Impuls, das zu ändern. Er säuft, raucht, hat viel Sex, aber er erlebt die Liebe nicht. Darin ähnelt er den anderen Houellebecq-Helden. Sie sind alle so kalt, so einsam, so hungrig und so müde.

„Enfant terrible“ der Literaturszene

Unerbittlich und leidenschaftslos schreibt der Icherzähler auf, wie er die Welt sieht. Einsamkeit ist bei ihm kein Zustand, sondern eine Haltung. Dieser sanfte Autismus des Helden zeigt sich auch in anderen Büchern dieses Autors, etwa „Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“, „Plattform“ oder „Karte und Gebiet“. Sie alle waren erfolgreiche Romane Houellebecqs. Auch der Islam ist bei ihm schon oft Thema gewesen. Im 2001 erschienenen Roman „Plattform“ lässt er seine Helden einen Sexclub in Thailand aufbauen. Der wird von einer islamistischen Terrorgruppe in die Luft gesprengt. In einem Interview zu dem Buch sagte er damals: „Die dümmste Religion ist doch der ­Islam.“

In seinem neuen Roman ist der Islam nicht mehr die dümmste, sondern die beherrschende Religion. Mit feinem Witz beschreibt Houellebecq, wie schnell sich die Gesellschaft ändert, wenn sich die Machtverhältnisse geändert haben. Doch es ist nicht der allgemeine Opportunismus, den er angreift. Seine Kritik geht tiefer. Wie nebenbei fallen Sätze wie: „Sonntagmorgens ist nie viel los, da atmet die Gesellschaft auf und durch, die Leute geben sich der kurzen Täuschung hin, das Leben eines Individuums zu führen.“ Oder (über einen Geheimagenten im Ruhestand, den François kurz zuvor kennengelernt hat): „Was mochte wohl jemand denken, der sein ganzes Leben lang die verborgenen Zusammenhänge im Hintergrund erforscht hat? Wahrscheinlich nichts.“

Alles bloß Schwarzmalerei?

Houellebecq arbeitet jenseits aller Wärmeströme des Sozialen, sein neuer Roman zeigt ihn wieder als Meister der Hoffnungslosigkeit. Der Islam ist hier nur eine Religion, die sich gerade durchsetzt. Er wird nicht die letzte sein.
Unübersehbar sind die aktuellen politischen Bezüge in Houellebecqs Werk: Er beschreibt die Konstellation, dass 2022 der derzeitige Präsident François Hollande nicht mehr antritt. Um einen Sieg der dann immer noch populären Marine Le Pen zu verhindern, gehen Konservative und Sozialisten ein Bündnis mit der gemäßigten „Muslimischen Brüderschaft“ ein – und befördern einen Islamisten ins Präsidentenamt.

Ist das Schwarzmalerei? Der Philosoph Alain Finkielkraut würdigte die Beschreibung als „Zukunft, die nicht gewiss, aber plausibel ist“. Präsident Hollande erklärte, es gebe die „Versuchung der Dekadenz, des Niedergangs und eines zwanghaften Pessimismus“. Das weise er zurück. Doch lesen will auch er das neue Buch. Alles andere wäre auch überraschend, schließlich wird Houellebecq zu Recht hoch geschätzt.

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