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Kultur "Migranten brauchen Recht auf Fremdheit"
Nachrichten Kultur "Migranten brauchen Recht auf Fremdheit"
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06:15 28.05.2012
Von Jutta Rinas
Kritisch, provokativ: Irena Brežná. Quelle: Strauch
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Hannover

Frau Brežná, allerorten wird diskutiert, wie Migranten besser integriert werden können. Sie fordern in Ihrem neuen Buch „Die undankbare Fremde“ für Einwanderer ein Recht auf Unangepasstheit ...

... eher ein Recht auf Fremdheit. Fremdheit ist ein globales Gefühl. Babys fühlen sich fremd, wenn sie auf die Welt kommen. Unbekannte Orte, alles, was neu ist, ist uns zunächst fremd. Trotzdem ist der Begriff negativ besetzt, und gerade Einwanderer stehen oft unter dem Druck, sich stark anzupassen. Wer aber versucht, sich völlig umzumodeln, landet leicht in der Psychiatrie. Wir müssen vielmehr darauf achten, dass nicht alles, was ein Einwanderer mitbringt, als gefährlicher Abfall auf dem Müll landet.

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Woran machen Sie diese Fremdheit fest?

In der Schweiz sagt man beispielsweise „Grüezi“, um jemanden willkommen zu heißen. Das ist aber keine Aufforderung zum Kennenlernen, sondern ein Stoppschild mit der Aufschrift „Bitte nicht weiter stören“. Die Heldin meines Buches versteht das nicht, versucht immer wieder, mit Menschen auf der Straße in Kontakt zu kommen: So kennt sie es aus ihrer Heimat. Als das nicht klappt, reagiert sie mit Hohn und Spott auf die Schweiz. Aber das ist nur ein Schutzmechanismus, weil sie sich unverstanden fühlt.

In Deutschland hat der Unwille, sich anzupassen, zu regelrechten Parallelgesellschaften geführt ...

Ich möchte natürlich, dass die Fremden an der Gemeinschaft partizipieren. Aber sich zu schnell zu integrieren, ist auch gefährlich. Meine Heldin sagt irgendwann, dass es zu ihrem neuen Heimatgefühl gehört, Ausländerin zu sein. Sie entscheidet sich nicht für eine Seite.

In Ihrem Buch stehen harte Sätze über die Schweiz wie: „Das Land braucht Haustiere, Behinderte und Fremde.“

Der Satz fällt im Gespräch zweier Flüchtlingsmädchen, die die Nähe zu ihren neuen Mitmenschen suchen und scheitern. Ihnen fällt auf, dass die Schweizer sehr nett zu Behinderten und zu Hunden sind, zu Fremden aber vor allem dann, wenn sie nur ja nicht zu selbstbewusst sind. Sie erleben, dass Fremde in der Schweiz geliebt werden, wenn sie Schauergeschichten über die Diktatur erzählen. Wenn sie über die neue Heimat motzen, gilt das nicht.

Ihre Heldin zehrt von manchmal verklärenden Vorstellungen über ihre alte Heimat.

Kinder erfahren häufig keine Gewalt in der Diktatur. Sie sind zu jung, um die Mechanismen einer solchen Staatsform zu verstehen. Wenn sie verpflanzt werden, idealisieren sie ihr Herkunftsland oft. Aber Flüchtlinge idealisieren auch oft ihren Zufluchtsort. Sie denken, sie wechseln nur das Land, die Sitten bleiben die gleichen. Es gibt mehr Geld und geht gerechter zu. Dann merken sie, dass es im Zwischenmenschlichen hapert ...

Zum Beispiel?

Die Fremden werden in der Schweiz wirklich gut behandelt. Aber die Zuwendung findet vor allem auf struktureller Ebene statt. Es gibt Sozialarbeiter, Krankenhäuser, Therapeuten. Aber die Menschen, die sich mit ihnen befassen, treten nicht aus ihrer Rolle heraus. Es bleibt alles offiziell, das ist schwer für meine Heldin, die auch nach privaten Kontakten sucht.

Sie sind selbst 1968 aus der Tschechoslowakei in die Schweiz gekommen ...

Ja, und ich wollte nicht bleiben, aber wegen des Kalten Krieges konnte ich nicht zurück. Mittlerweile - nach mehr als 40 Jahren - bin ich heimisch geworden. Ich denke, die Tatsache, dass ich es wage, mich als mündige Bürgerin so kritisch über die Schweiz zu äußern, ist auch ein Zeichen dafür, dass ich mich hier zu Hause fühle.

Die Schriftstellerin und Kriegsreporterin Irena Brežná diskutiert am 30. Mai von 19.30 Uhr an im Literaturhaus mit der Autorin Hilal Sezgin über „Anpassung und Eigensinn“. HAZ-Redakteurin Martina Sulner moderiert. Karten im Vorverkauf gibt es unter der Telefonnummer: (0511) 16841222.

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