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00:15 07.11.2013
Leinen los: Peter Pan (Sandro Tajouri, rechts) und Freunde zur See.
Foto: Leinen los: Peter Pan (Sandro Tajouri, rechts) und Freunde zur See. Quelle: Ribbe
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Hannover

Wie sieht er diesmal nur aus? Kommt er in einem grünen Wams auf die Bühne – gekleidet wie eine Art kindlicher Robin Hood? So wie in der Walt-Disney-Verfilmung von 1953, die heute noch viele Kinder (und Erwachsene) kennen? Oder, eine noch viel wichtigere Kinderfrage, die man im aufgeregt tuschelnden Publikum bei der Premiere von „Peter Pan“ im Schauspiel Hannover (in Kooperation mit enercity) vor Beginn immer wieder hören kann: Wird der Junge, der nicht erwachsen werden will, tatsächlich durch die Lüfte fliegen? Hier auf der Bühne? Und wenn ja, dann wie?

Die Geschichte von dem Jungen, der sich zeitlebens dem Erwachsenwerden verweigert, ist schon oft in Szene gesetzt worden – in Spiel- und Animationsfilmen (unter anderem unlängst auf KI.KA), Musicals und Comics. Popstar Michael Jackson hat seine Ranch „Neverland“ nach dem traumverlorenen Niemandsland aus James Matthew Barries Original benannt. Steven Spielberg hat eine Fortsetzung verfilmt. Und Theaterregisseur Robert Wilson, mittlerweile 72 Jahre alt, hat das Stück erst vor ein paar Monaten als Musical mit dem Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht.

Wer „Peter Pan“ inszeniert, hat also keine freie Bahn. Im Gegenteil, er muss sich gegen die vielen Bilder, Vorstellungen und Fantasien in den Köpfen seiner in Hannover zumeist kleineren Zuschauer durchsetzen – viel mehr noch als in früheren Familienstücken des hannoverschen Schauspiels: James Krüss’ „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ beispielsweise oder Klassikern wie „Pünktchen und Anton“ oder „Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner.

Die Nachwuchsregisseurin Mina Salehpour – sie inszenierte am hannoverschen Schauspiel schon „Fatima“ von Atiha Sen Gupta und David Greigs „Monster“ – stößt ihr Publikum zu Beginn erst einmal lustvoll vor den Kopf. Wer ist bloß dieser glatzköpfige Kerl, der sich in einem von drei Betten in einem Schlafzimmer im Bühnenvordergrund in einen überdimensionalen Strampelanzug zu quetschen versucht? Der herumalbert und kichert, bis er unter der Bettdecke zu seinem Entsetzen ein kleines Plüschkrokodil entdeckt? Plötzlich verwandelt sich der Vorhang hinter ihm auch noch in ein Schattentheater. Fast menschengroße Schattenrisse ziehen vorüber, schemenhaft sichtbare Männer und Frauen mit Perücken und historischen Kostümen, während der Erzähler (Christoph Müller in einer Dreifachrolle als Erzähler, Michael und Smee) schildert, wie Mr. und Mrs. Darlington, die Eltern von Wendy, John und Michael, sich lieben lernten.

Es ist einer von vielen fantasievollen Imaginationsräumen, die die 1985 in Teheran geborene Mina Salehpour in ihrer Inszenierung mithilfe von Jorge Enrique Caro (Bühnenbild) und Maria Anderski (Kostüme) öffnet – und in denen sie einfallsreich und subtil mit den Erwartungen ihrer Zuschauer spielt.

Peter Pan (Sandro Tajouri) beispielsweise fliegt natürlich nicht wirklich, sondern imitiert die Flugbewegungen nur, mit fast pantomimischen Gesten. Ins Wunderbare getaucht wird der vorgetäuschte Flug ins Nimmerland durch die Nachtsilhouette einer Stadt, die unheimlich und glitzernd hinter dem Vorhang aufscheint. Ein riesiges Drehgestell hält nach dem ersten Akt immer neue Überraschungen bereit: Mal ist es das hochaufragende Piratenschiff von Captain Hook, dann wieder bietet es durch ein dichtes Gestrüpp aus Gummiseilen einen Blick auf das Zuhause der „verlorenen Jungs“ und Peter Pan (und auf die Musiker Markus Hübner und Robert Kretzschmar). Oder es wird zur Meereslandschaft mit Lagune, in der Smee mit einem Schlauchboot paddelt, bis er von Wendy (Wendy und Tiger Lily: Mirka Pigulla) und Peter ausgetrickst wird.

Mina Salehpour verwendet nicht nur die von Erich Kästner übersetzte, anspruchsvolle Theaterfassung, in der die Ambivalenz Peter Pans –  sein kindlicher Charme und Mut, aber auch sein Narzissmus – deutlich wird. Sie webt auch Passagen aus Barries Roman hinein, scheut sich nicht, in einem Familienstück für Kinder ab acht Jahre auch die rücksichtslose, ja grausame Seite der Fee Tinker Bell (wieder einmal herausragend: Katja Gaudard) zu beleuchten.

Der jungen Regisseurin gelingt Komisches, wenn sie die tollpatschige Hündin Nana mit Kleiderschürze und Kniestrümpfen als Ohren ausstattet oder als störrischen Nimmervogel durch die Lagune paddeln lässt (wandlungsfähig und sehr lustig: Philippe Goos). Auch das Dramatische kommt nicht zu kurz: Der finale Kampf zwischen dem furchteinflößenden Captain Hook (Denis Geyersbach) und seinem tollkühnen Gegenspieler auf dem Deck des Piratenschiffs wird angemessen abenteuerlich in Szene gesetzt. Ganz am Ende versetzt Salehpour ihren Zuschauern mit einer unerwarteten Pointe einen mächtigen Schreck – und macht dabei zugleich ein Prinzip ihrer Inszenierung deutlich: dass alle Fabelwesen Projektionsfiguren der Menschen sind. Applaus und Jubelrufe.

Wieder am 6. und 7. November, 11 Uhr, sowie 17. und 18. November, 17 Uhr.

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