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Kultur Ministerin Wanka: „Wenn wir das klug machen ...“
Nachrichten Kultur Ministerin Wanka: „Wenn wir das klug machen ...“
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08:26 11.08.2010
Johanna Wanka ist seit dem 27. April im Amt.
Johanna Wanka ist seit dem 27. April im Amt. Quelle: Martin Steiner
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Sie scheinen ja einen guten Start in Niedersachsen hingelegt zu haben. Bei der jüngsten Sparklausur jedenfalls kam die Kultur überraschend glimpflich davon. War das allein Ihr Verdienst?
Als ich nach Niedersachsen kam, herrschte hier ein enormer Entscheidungsdruck. Mir war klar, dass vom Ergebnis dieser Klausur sehr viel abhing. Geholfen hat mir dabei sicher meine politische Erfahrung.

Hat es auch geholfen, dass Sie von Beruf Mathematikerin sind?
Schon als Rektorin einer Hochschule stand für mich fest, dass Haushalt eine ganz entscheidende Größe ist. Finanzen müssen Chefsache sein.

Lernt man als Mathematikerin Bescheidenheit großen Problemen gegenüber? In dem Sinne, dass man weiß, dass gewisse Aufgaben nicht einfach und andere einfach nicht lösbar sind?
Was wie lösbar ist, das weiß man in der Politik meist sehr genau. Was man als Mathematiker lernt, das ist, logisch zu denken. Man versucht, den Kern eines Problems herauszuarbeiten. Man lernt, die Details zu beachten, sich aber nicht im Kleinteiligen zu verlieren. Außerdem war das mit der Mathematik lange gar nicht so klar. Eigentlich wollte ich lieber Germanistik studieren.

Warum haben Sie das nicht getan?
Mathematik fiel mir immer viel leichter. Bei den Matheolympiaden hatte ich Erfolg, das Schreiben von Aufsätzen machte mir aber manchmal Mühe. Der entscheidende Grund aber war der: Wer in der DDR Germanistik studiert hat, war der Gefahr ausgesetzt, in einem ideologiebefrachteten Arbeitsfeld eingeschränkt zu werden. Bei Mathematik sah das schon anders aus. Deshalb hatte ich mich für Mathematik entschieden.

Sie sind die erste ostdeutsche Ministerin in einem westdeutschen Landeskabinett. Hat dieser Umstand irgendeine Bedeutung?
Ich finde es erstaunlich, dass dieser Umstand immer noch als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Schließlich haben wir seit zwanzig Jahren einen regen Ost-West-Austausch. Zuerst vorrangig in die eine Richtung, dann in beide Richtungen. Natürlich war ich stolz, als Christian Wulff mich gefragt hat, ob ich in sein Kabinett kommen wollte. Im Hochschulbereich spielt das Thema Ost- oder Westsozialisation überhaupt keine Rolle mehr, aber einen kleinen Moment lang habe ich darüber nachgedacht, ob das im Kulturbereich vielleicht anders ist.

Und?
Na ja, es war eher Respekt vor der Aufgabe. Die anfängliche Aufregung hat sich aber schnell gelegt. Vor allem, weil ich hier auf großes Interesse und große Offenheit gestoßen bin.

Es gibt viel Kultur in Niedersachsen. Was haben Sie schon kennengelernt?
Am zweiten Tag nach meiner Vereidigung war ich beispielsweise in Wolfsburg bei Movimentos. Modernen Tanz liebe ich ganz besonders. Ein bisschen konnte ich mir auch schon in den Staatstheatern anschauen. Das Braunschweigische Landesmuseum, die Herrenhäuser Gärten und das Wilhelm-Busch-Museum sowie das Moormuseum in Geeste habe ich auch schon kennengelernt, und ganz aktuell war ich in Worpswede.

Was sind neben modernem Tanz Ihre persönlichen Vorlieben?
Großen Gefallen finde ich an der bildenden Kunst. Aus alter Verbundenheit bin ich der Literatur sehr zugetan. Hinzugekommen ist die Liebe zur Neuen Musik. Erst in meiner Zeit in Brandenburg habe ich gelernt, sie zu genießen.

Bei den Landesmuseen hat Ihr Vorgänger Lutz Stratmann eine Neuorganisation angestrebt. Wie weit ist das Projekt?
Man sollte im Kulturbereich die Dinge nicht alle paar Minuten wieder neu ordnen. Das bringt Unruhe und kostet Energie. An der Museumslandschaft wird sich in nächster Zeit nichts Gravierendes ändern.

Was ist mit der neuen Schwerpunkt­setzung? Ihr Vorgänger wollte die Ethnologie in Göttingen bündeln. In Braunschweig sollte der Schwerpunkt auf Archäologie liegen.
Zu solchen Lokalisierungsfragen möchte ich noch nichts sagen. Strategische Entscheidungen müssen wohldurchdacht und vorbereitet werden. 100 Tage greifen dafür noch zu kurz.

Was denken Sie: Wie ist die Kultur in Niedersachsen aufgestellt?
Niedersachsen hat eine reiche Kulturlandschaft. Reich in mehrfacher Hinsicht: Die Kulturstätten des Landes sind reich an Geschichte, aber auch reich, weil sie über Jahre erhebliche Unterstützung bekommen haben. Man muss sich nur die Museumsneubauten im Lande anschauen, dann sieht man, dass in den vergangenen Jahren unglaublich viel in die Kultur investiert wurde.

Und Ihre Visionen?
Man muss erst mal dafür sorgen, dass im Kulturbereich nichts verloren geht. Alles, was man im Kulturbereich abbaut, ist kaum wiederherzustellen. Deswegen ist es so wichtig, dass die unterschiedlichen Akteure in der Kultur zusammenarbeiten. Von den Illusionen, dass die finanziellen Mittel für die Kultur immer wachsen, darf man nicht ausgehen. Um in der Kultur etwas bewahren und etwas Neues schaffen zu können, muss man Realismus und Pragmatismus mitbringen. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt. Hier muss die Kulturpolitik rechtzeitig Antworten finden. Wir müssen uns fragen, welche Strukturen man so lassen kann und welche man langfristig ändern sollte. Wenn man die Sachen einfach laufen lässt, muss man nachher Krisenszenarien entwickeln.

Sie können nicht auf den demografischen Wandel reagieren und gleichzeitig dafür sorgen, dass im Kulturbereich nichts verloren geht. Wenn Sie reagieren, wird etwas verloren gehen.
Nein. Verloren geht etwas, wenn man alles nur statisch betrachtet. Wenn man sagt, es muss alles so bleiben, wie es war, und wir müssen nur sehen, wo wir das Geld herbekommen, dann macht man etwas falsch. Kulturangebote erhalten heißt nicht, dass man sich an vorgegebene Strukturen klammern muss.

Ihr Vorgänger hat Zielvereinbarungen mit den Theatern abgeschlossen. Jetzt gibt es überall Kinder- und Jugendtheater. Und alles sieht irgendwie gleich aus.
Es gibt eine große Gefahr für sämtliche Stadttheater in Deutschland. Und das ist nicht der Mangel an Geld. Die Gefahr sieht man, wenn man auf der Bühne steht und in den Saal blickt: Dort dominiert eine bestimmte Altersgruppe. Wenn es nicht gelingt, auch junge Leute für Theater zu begeistern, dann können viele Theater demnächst schließen. Jedes Theater muss ­Anstrengungen unternehmen, junge Zuschauer zu erreichen. Die künstlerischen Mittel können da ganz vielfältig sein.

Wie kann sich das Land Niedersachsen kulturell gegenüber anderen Ländern besonders profilieren? Woran sollte man besonders stark arbeiten?
Sicher an dem Bereich frühkindliche musische Erziehung. Ganz wichtig ist das Musikalisierungsprogramm, das wir gerade erweitern. Auch die Leseerziehung ist wichtig. Wenn wir das klug machen, können wir viel bewirken.

Und was sind die größten Baustellen?
Wir haben es zum Teil mit echten Baustellen zu tun. Der bauliche Zustand einiger Museen ist verbesserungswürdig. Beim Naturkundlichen Museum in Braunschweig etwa ist eine Menge zu tun. Hier rechnen wir auch mit hohen Kosten.

Was ist mit den Schöninger Speeren? 15 Millionen Euro für ein neues Museum bei Schöningen? Da fragt sich mancher, ob das wirklich sein muss.
Nach Meinung vieler Experten gehören die Schöninger Speere zu den zehn bedeutendsten archäologischen Funden der Welt. Man kann die Speere natürlich in Braunschweig oder Hannover im Landesmuseum ausstellen, das würde zwar weniger kosten. Für die Region aber bringt das nichts. Und für die Speere auch nichts. Das, was jetzt geplant ist, ist kein Museum für die Schöninger Speere, sondern ein Erlebnis- und Wissenschaftsbereich. Für die Region ist das ungeheuer wichtig.

Die Speere waren schon einmal im Landesmuseum Hannover ausgestellt – mit beschämend wenig Besuchern.
Eben. Deshalb gehören sie auch nicht dahin, sondern in die Region, wo sie schon seit mehr als 300 000 Jahren liegen. In Schöningen wird viel mehr als eine Vitrine geboten. Solche archäologischen Erlebniswelten sind enorm attraktiv.

Wie parteiübergreifend wollen und können Sie tätig sein?
Ich werbe für einen fairen Umgang in der politischen Auseinandersetzung. Wenn Sie in der Opposition etwas nur skandalisieren, kann erheblicher Schaden angerichtet werden, der nicht so schnell behoben werden kann. Man sollte auch mal Größe zeigen und die Arbeit des politischen Mitbewerbers anerkennen. Wenn man Fairness bei anderen einfordert, muss man auch selbst fair sein.

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