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Kultur Mirco Buchwitz hat seinen ersten Roman geschrieben
Nachrichten Kultur Mirco Buchwitz hat seinen ersten Roman geschrieben
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19:12 06.09.2011
Buchwitz kann nicht nur Witzbuch: In seinem ersten Roman erzählt der Autor von der Suche nach den Dingen, auf die es im Leben ankommt.
Buchwitz kann nicht nur Witzbuch: In seinem ersten Roman erzählt der Autor von der Suche nach den Dingen, auf die es im Leben ankommt. Quelle: bellabellinsky
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Hannover

Eigentlich hat sich Richard sein Leben ganz passabel eingerichtet. Nach einer Kiez-Kindheit voller Schläge in einer gardinenlosen Wohnung mit Zigarettenqualm und anschließendem Heimaufenthalt entdeckt er das Fitnessstudio für sich und wird Türsteher. Der 36-Jährige wohnt in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung ohne Sofa, lernt ab und zu eine Frau kennen und hat zumindest einen guten Freund. Richard ist nicht unbedingt im Leben angekommen, aber er kommt zurecht. Dann ruft ihn seine Schwester Ingrid an, die er seit 25 Jahren nicht mehr gesehen hat. „Willst du Mama noch mal sehen?“, fragt sie ihn. Die Mutter liegt im Sterben. Die Geschwister treffen sich und blicken während der Fahrt zurück auf ihr bisheriges Leben – und entdecken dabei langsam, dass etwas fehlt.

Der Roman „Nachtleben“ des hannoverschen Autors Mirco Buchwitz ist ein präzises und langsames Heranzoomen an den Hauptdarsteller. Geschickt reiht Buchwitz dafür Szenen aus Richards Lebenslauf vom Heimalltag bis zu Türstehernächten aneinander, verzichtet dabei auf Chronologie, ordnet aber die Biografiescherben zu einem bewegenden Gesamtbild. Der Leser lernt Richard kennen, wie er mit seiner Schwester spielt, spürt den Hass auf den Freund seiner Mutter Franz und die Lust am Leben, wenn er mit seinem Freund Flavio kiffend Zivildienst leistet oder mit seiner geliebten Pia Kinderfernsehen schaut. So erschließen sich mit den so unterschiedlichen wie dichten Anekdoten die Charakterzüge Richards. Allmählich erfährt man, warum Richard ebendieser Richard geworden ist.

Es ist dieses Herantasten an eine Person, die dem Roman Spannung und eine bei aller Leichtigkeit beklemmende Atmosphäre verleiht. Denn Richards Leben wirkt wie ein Provisorium, unfertig, bereit für einen Sinn. Buchwitz erzählt eine Familiengeschichte ohne Familie, von Leidenschaft ohne Ziel. Es ist, als schaute man einem einsamen Kind beim Schaukeln zu und als wüsste man, dass es gleich herunterfallen wird. Und doch steckt das Kinderlachen vor dem Sturz an.

Buchwitz ist Experte für diese Art des Humors. Mehr als zehn Jahre lang hat er im deutschsprachigen Raum auf Comedy- und Kabarettbühnen gestanden, hat Preise wie den Kaktus-Preis gewonnen, trat in der Lach- und Schießgesellschaft auf und vertrat Deutschland sogar bei der Buchmesse in Taipeh. Seine Hörbücher und Programme zeichnen sich durch eine Mischung aus intelligentem Humor und melancholischer Alltagsbetrachtung aus. Und doch zog sich Buchwitz von den Bühnen zurück, um ganz in Ruhe in seinem ersten Roman nach der Schönheit in der Tristesse zu suchen.

Und so ist der gelungene Roman viel mehr als eine Charakter- und Sozialstudie. Es ist eine bewegend erzählte Geschichte über die Dinge, die das Leben ausmachen: Freundschaft, Familie, Liebe. Und eine Geschichte, die zeigt, dass das Ausblenden der eigenen Vergangenheit immer nur ein provisorisches Ausblenden sein kann. Denn etwas fehlt. Und es ist gut zu beobachten, wie aus dem suchenden Richard am Ende ein findender wird. Denn manchmal ist auch ein Innehalten Bewegung.

Mirco Buchwitz: „Nachtleben“. Aufbau Verlag. 335 Seiten, 17,99 Euro.

Jan Sedelies

06.09.2011
06.09.2011