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00:15 18.10.2013
Von Uwe Janssen
80 Jahre - und sehr aktiv: Willi Nelson. Quelle: Legacy
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Der Mann auf dem Cover ist 80 Jahre alt, sieht aber sehr vital aus. Die Gitarre auf der Rückseite ist gut halb so alt, man würde sie auf jedem Flohmarkt liegen lassen. Abgewetzt und bekritzelt ist die  Fichtendecke, schräg unter der Schallöffnung klafft ein weiteres Loch, als ob einer mit der Hacke reingetreten hätte. Aber: Sänger und Gitarre gehören zusammen seit Anfang der siebziger Jahre – Willie Nelson und Trigger, wie er sie getauft hat. Als sein Haus in Brand geriet, rettete er sie. Als die Steuerfahndung ihn am Wickel hatte, ließ er Trigger unverzüglich außer Landes schaffen. Nelson sagt: „Wenn Trigger geht, gehe ich auch.“ Es klingt wie eine Drohung.

Wenn die Gitarre eine Dame ist – die meisten getauften Gitarren tragen Frauennamen –, passt ja der Albumtitel auch:  „To All the Girls ...“. Wer wissen will, das wievielte Nelson-Album es ist, sollte sich für das Zählen ein bisschen Zeit nehmen, mit allen Kompilationen, Kollaborationen und Livealben ist man im dreistelligen Bereich.

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Bis heute liefert der Countryveteran – neben bis zu 200 Konzerten im Jahr – eine Platte nach der anderen ab, allein in diesem Jahr schon wieder drei. Freilich nicht alles neues Material: Alte Aufnahmen mit Johnny Cash („Every Song Tells a Story“) oder neu eingespielte Klassiker mit seiner „Family“-Band sind im Frühjahr erschienen. Nun kommt ein Duett-Album, und mit dem Workaholic ans Mikro traten 18 Damen, darunter Norah Jones, Sheryl Crow, Dolly Parton, Emmylou Harris, Miranda Lambert, Alison Kraus, seine Tochter Paula und Cashs Tochter Rosanne.

Mit ihnen interpretiert er Countryklassiker aus der Feder von Waylon Jennings, Kris Kristoffersen oder seiner eigenen, aber auch von Musikern wie Bill Withers („Grandma’s Hands“ mit der großartigen Mavis Staples), Bruce Springsteen („Dry Lightning“) oder John Fogerty („Have You Ever Seen the Rain“). Da verschwimmen Wurlitzer-Soulakkorde mit Lapsteel-Gitarren, dazwischen jault die Mundharmonika – trotzdem passt es zu Willie Nelson, der sich auch im erzkonservativen Countryfach nie um Genregrenzen geschert hat. Bis zu Radiopop und Reggae geht er diesmal nicht, dafür werden die 18 Songs hörgefällig, kantenfrei und mit viel Zuckerguss gereicht. Durchhörbar heißt das wohl.
Aber das Musikbett schafft Platz für die vielen schönen Stimmen. Eine davon ist die von Nelson selbst, die trotz ihrer typischen Knarzigkeit eine fast jugendliche Leichtigkeit und Beweglichkeit hat. Da kann selbst der weiche Ton seiner Martin N20 nicht mithalten. Aber die sieht ja ohnehin älter aus als ihr Besitzer.

Willie Nelson: „To All the Girls ...“

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