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Kultur Mit Pop und Rock gegen den Mitgliederschwund im Spielmannszug
Nachrichten Kultur Mit Pop und Rock gegen den Mitgliederschwund im Spielmannszug
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08:14 29.05.2011
Von Constantin Alexander
Auch der Fanfarenzug Thönse, hier bei einer Begrüßung von Bundespräsident Christian Wulff (l.), will mit Rock und Pop gegen den Mitgliederschwund kämpfen. Quelle: dpa
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Für Bundespräsident Christian Wulff war es ein schöner Empfang in der alten Heimat. Als der einstige niedersächsische Ministerpräsident Mitte Mai zu seinem Antrittsbesuch im neuen Amt in die alte Heimat Hannover kam, stand auch der Fanfarenzug Thönse Spalier. Doch anstatt die Niedersachsenhymne zu spielen oder einen Klassiker der Marschmusik, kam die Melodie von Michael Jacksons „Beat It“ aus den Trompeten.

Für Passenten ein ungewöhnliches Bild, für Kenner der Szene nichts Besonderes. Denn die Spielmannszüge Niedersachsens haben sich in den vergangenen Jahren radikal modernisiert: Statt Märschen werden nun Pop- und Rocklieder gespielt. Statt in Reih und Glied zu marschieren, begleiten nun auch immer öfter Cheerleader die Züge.

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Rund 460 Spielmannsvereine gibt es in Niedersachsen, mehr als 22 000 aktive Mitglieder und noch einmal 22 500 passive und fördernde. Es sind Blasorchester, Fanfarenzüge, Showbands oder Drumcorps, die früher vor allem bei Faschingsumzügen, Schützenmärschen oder Schrebergartenfeste spielten. „Niedersachsen ist Spielleuteland“, sagt Aloys Grba vom Musikverband Niedersachsen. „Die Vereine haben sich sehr stark gewandelt, benutzen andere Instrumente und geben mehr Geld aus, um sich qualifizierte Ausbilder leisten zu können.“

Doch die positive Entwicklung ist neu. „Vor ein paar Jahren waren Spielmannszüge sehr stark überaltert“ sagt Ralf Subat, Landesmusikdirektor für Spielleute im Niedersächsischen Musikverband. „Die Mitliederzahlen gingen runter, es fehlten attraktive Programme, immer weniger junge Menschen wollten mitspielen.“ Wollten Spielmannszüge überleben, mussten sie ihr Angebot verändern. So wie es die Leinegarde aus Neustadt am Rübenberge gemacht hat.

Seit 1964 gibt es den Musikcorps des Deutschen Roten Kreuzes. Ende der 1990er-Jahre suchten die Macher ein neues Konzept, um Nachwuchs zu gewinnen. „Wir wollten keine alten Märsche mehr spielen, sondern das, was die breite Masse hören will“, sagt Thomas Lupke aus dem Leinegarde-Vorstand. Neue Mitglieder ließen sich nur begeistern, wenn man bei Auftritten auch die Zuschauer begeistert. Der Verein sortierte also alte Musik aus und lernte Pop, Rock und Schlager. Anstatt starr zu marschieren, gibt es jetzt lockere Choreographien.

Auch ihr Aussehen reformierte die Truppe radikal: Statt klassischer Uniform tragen die fast 80 Mitglieder dunkle Anzüge und schmale Krawatte, dazu Lackschuhe und einen Hut, wie ihn der Jazzsänger Roger Cicero trägt. „Wir haben uns stark am Berliner Musiker Peter Fox orientiert. Das war damals vielleicht sehr mutig, inzwischen aber einfach nur modern.“

Für ihr Experiment wurde die Leinegarde mit viel Lob und Auftritten belohnt - und mit vielen neuen, jungen Mitgliedern. „Unser einziges Honorar ist der Applaus unserer Zuschauer. Wenn dann auch 13-Jährige im Publikum stehen und sagen „Cool“, haben wir alles richtig gemacht.“ Und je mehr man das Publikum begeistere, desto eher würden auch junge Menschen mitmachen wollen.

Der Fanfarenzug Alt-Linden von 1964 aus Hannover hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Wir sind inzwischen nicht mehr für klassische Marschmusik bekannt, sondern für gute Stimmung“, sagt der Vorsitzende Lars Behnsen. Auf Schützenfesten spielt der Zug gerne Schlager von Boney M. oder begleitet seine Cheerleader mit Samba-Rhythmen. „Wir wollten weg von den Märschen und hin zum Entertainment.“ Gerade die Öffnung für Frauen und Mädchen als Musikerinnen oder Cheerleader habe den Fanfarenzug sehr zum Positiven gewandelt.

„Bei den Spielmannszügen in Niedersachsen hat sich viel verändert in den vergangenen Jahren“, sagt Dieter Buschau, verantwortlich für den Bereich Musik in Bewegung vom Musikverband Niedersachsen. Buschau gibt regelmäßig Seminare für Spielmannszüge im Bundesland und daher einen guten Überblick über die Szene. „Gerade auf dem Land konkurrieren Spielmannszüge inzwischen sehr stark mit Musikschulen.“ Eltern würden ihre Kinder dort hin schicken, damit sie eine musikalische Ausbildung bekämen. „Die Betreuung hat sich sehr professionalisiert. Daher sehe ich es auch positiv, wenn mit modernerer Musik und modernerem Auftreten gerade junge Menschen die Vereine am Leben erhalten.“

Auch gäbe es inzwischen immer mehr Vereine, die nicht nur moderne Popmusik spielen, sondern auch traditionelle Lieder aus anderen Kulturkreisen. „Gerade aus Osteuropa sind viele Menschen zu uns gekommen.“ Das Einstiegsalter liegt zwischen sieben und zehn Jahren. Wenn die jungen Menschen dann irgendwann in die Pubertät kämen, mache es mehr Sinn, Musik aus ihrem Umfeld zu spielen statt alter Märsche. „Natürlich gibt es aber auch die traditionellen Vereine, die nur Lieder wie „Alte Kameraden“ spielen. Die haben dann aber oft auch ein Nachwuchsproblem.“

dpa

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